https://www.faz.net/-hrx-7rdhz

Modewoche in Paris : Ein bisschen mehr als nichts

Auf Sandalen in Lutetia: Karl Lagerfeld setzt für Chanel auch auf römische Anklänge Bild: dpa

Die Haute Couture verjüngt sich, um junge Kundinnen in aller Welt zu gewinnen. Dadurch wird der Unterschied zum Prêt-a-porter de luxe immer kleiner. Die schönsten Stücke von den Schauen in einer Bildergalerie.

          5 Min.

          „Ich wollte, dass die Models es tragen wie nichts.“ Besser als der Modemacher selbst kann man es nicht beschreiben. Leichte Neopren-Kleider, niedliche Prinzessinnen-Röcke, flache Schuhe: Die Models der Chanel-Couture-Schau scheinen am Dienstagmittag durch den Grand Palais zu schweben. „Stilettos hätten in diesem Fall démodé ausgesehen“, sagt Karl Lagerfeld, der in zwei Schauen nacheinander die Herbst-Winter-Ideen der hohen Schneiderkunst auf den Laufsteg bringt. „Die Attitüde muss modern sein.“

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Voilà! Gleichzeitig müssen die Couture-Entwürfe die Marke sichtbar machen. Daher ist das Chanel-Motto „Le Corbusier geht nach Versailles“ gut gewählt. Denn die Modernität der weißen Kleider aus künstlichem Stoff, der Kostüme à la Mademoiselle Chanel und der strubbeligen Newspaper-Boy-Frisuren werden erweitert um Tournüren wie aus vorrevolutionären Zeiten und üppige Stickereien wie aus dem Barock.

          Am Ende kommt sogar mal wieder eine Braut auf den Laufsteg, das neuseeländische Model Ashleigh Good, schwanger, in einem Kleid wie von Jan van Eycks Arnolfini-Hochzeit, aber in gebrochenem Unschuldsweiß. „Damals waren die Frauen ja dauernd schwanger - schwanger, bis sie gestorben sind“, sagt Lagerfeld, der mit den kunsthistorischen Reverenzen aber nur spielt. „Das Beste: Dieses Model ist wirklich schwanger. Das war kein Kissen!“

          Business-Modell und ästhetisches Experimentierfeld

          Für den Nachwuchs ist also gesorgt. Gute Nachricht für die Couture: Die Kundinnen wachsen nach. Die letzte Chanel-Kollektion wurde besser verkauft als jede vorherige. Und auch das Haus Schiaparelli wird nach jahrzehntelanger Pause nun seit Januar unter Designer Marco Zanini so richtig wiederbelebt: Die Näherinnen wurden erst kurz vor der neuen Saison fertig mit all den Anfragen vom Januar. Dabei wagt diese Marke, die Elsa Schiaparellis Landsmann Diego Della Valle gekauft hat und wieder aufbaut, ein ganz besonderes Experiment: Sie besteht nur aus Couture und hat noch kein massentaugliches Prêt-à-porter oder lukrative Lizenzen.

          Im Idealfall ist die Couture ein Business-Modell und ein ästhetisches Experimentierfeld. Donatella Versace macht es mit der Linie „Atelier Versace“ vor. Während ihre Männermode vor zwei Wochen in Mailand nichts Besonderes bis fast gar nichts war, sind ihre futuristischen Couture-Kleider mehr als Hingucker: Goldene Schließen halten sie gerade so zusammen, unter den Ballkleidern aus Duchesse könnte sich eine ganze Kinderschar verstecken, und eine halbe Jacke drapiert die Designerin zu einem ganzen Oberteil.

          Man darf den Pelzmantel mit Applikationen aus Mini-Kristallen vulgär finden - aber man muss doch die Handarbeit im Mailänder Atelier bewundern. Monica Isenburg, die Leiterin des Ateliers, will gerade im Showroom an der Avenue Montaigne die Techniken beschreiben, da ruft sie plötzlich: „Kunden!“ Ein arabisches Paar wird ins Chambre séparée geleitet.

          Die Umsätze wachsen schneller als der Luxusmarkt

          Vor dem Haus wartet der Fahrer. Ganz so viel wie der Rolls-Royce wird das maßgeschneiderte Kleid nicht kosten. Passen würde jedenfalls die Eine-Million-Euro-Kette aus Smaragden, die noch hinter Panzerglas ruht - und in aller Stille beweist, dass die Modehäuser auch die Haute Joaillerie glitzern lassen wie nie zuvor. Die Umsätze mit Couture wachsen noch schneller als der gesamte Luxusmarkt. Russland und China haben schon wegen der langen kommunistischen Herrschaft keine eigene Couture-Tradition aufbauen können - da sind dann Dior, Armani, Chanel das Schneidermaß aller Dinge. (In Japan seltener, weil die Damen dort bei traditionellen Anlässen noch Kimono tragen.)

          Selbst Evelina Khromtchenko, die bekannteste russische Modejournalistin, wundert sich, dass sie nun dauernd Russinnen in den Schauen sieht, die nicht einmal sie kennt. Und Elena Perminowa, die Frau des Milliardärs Alexander Lebedew, wird am Montagabend vor dem Defilee von Giambattista Valli von den Fotografen vor dem Grand Palais schon auf der Straße hundertfach abgelichtet. Selbst die Polizei kann nur hilflos hupen angesichts der Schau vor der Schau.

          Valli, der Italiener in Paris, ist dann aber wiederum ein Beispiel dafür, dass man den neuen Kundinnen aus dem Mittleren und Fernen Osten nicht immer die Wünsche von den operierten Lippen ablesen sollte. So schön all die Porzellanmalerei auf den Kleidern der letzten Saison in der ersten Reihe, so schön die Blumenstickerei für Herbst und Winter auf dem Laufsteg, die drapierten Cocktailkleider, die Hosen mit Pyjamastreifen: Wenn die Frau im engen Kleid auf High-Heels nur noch trippeln kann, entspricht das nicht einmal mehr dem Frauenbild in Russland.

          „Wir sind offen fürs Internationale“

          Immerhin zeigt das Aufgedonnerte die stilistische Breite der Haute Couture. Zu verdanken ist sie Didier Grumbach, dem 77 Jahre alten Präsidenten der Modekammer, der nach 16 Jahren im Amt nun aufhört. Er hat die Globalisierung und Verjüngung der Couture vorangetrieben. „Wir sind offen fürs Internationale“, sagt er zwischen zwei Schauen. „Mailand und London dagegen zeigen vor allem heimische Designer.“ Was er nicht sagt: Durch die Vorverlegung der Prêt-à-porter-Schauen auf Ende September lässt er die Saison so früh beginnen, dass New York, London und Mailand wegen der Sommerpause mit der Fertigung der Musterteile in Schwierigkeiten kommen.

          Mailand wirft mit Jane Reeve als neuer Präsidentin der Camera Nazionale della Moda nun sogar eine Engländerin in diesen globalen Verdrängungswettbewerb. Daher hält die Chambre Syndicale von September an mit dem frisch gewählten frischen Präsidenten Ralph Toledano dagegen. In der Couture sind die Franzosen nach dem langen Dahinsiechen der Alta Moda in Rom ohnehin unschlagbar. Das beste Beispiel ist Nachwuchs-Star Bouchra Jarrar, die Lederjacken so bearbeitet, dass sie schön drapierte Oberteile ergeben.

          „Ich liebe Alltagsmode, ich liebe Couture-Techniken, und beides muss man nur kreuzen“, sagt sie nach der hervorragenden Schau am Dienstagnachmittag im Wandelgang des Lycée Henri IV. in der Nähe des Panthéon. Wie zur Bestätigung trägt die Designerin zur Smokinghose - eine Lederjacke. Die Stile kreuzt auch Raf Simons. „Ich wollte es auf eine breitere Basis stellen“, sagt der Dior-Designer, und das ist angesichts der vielen Reifröcke und des ausgreifenden Cul de Paris wohl wörtlich gemeint.

          Nach den Müttern werden nun die Töchter eingekleidet

          Aber bemerkenswert sind vor allem die Tageskleider und die vielen ausgestellten Mäntel mit schmaler Taille im Stil der Dior-Bar-Jacke. Denn sie verbreitern zur Freude von Dior-Geschäftsführer Sidney Toledano auch das Geschäft. „Wir haben ganz neue Kundinnen gewonnen“, sagt er nach der Schau. „Das Couture-Geschäft wächst schon seit 2011 zweistellig, aber seit Rafs Beginn vor zwei Jahren noch schneller.“

          Neben den Müttern will man nun auch die Töchter bedienen. „Die jungen Frauen arbeiten und reisen - die wollen nicht nur etwas für den roten Teppich oder für die Oper“, meint Toledano. „Deshalb ist Raf ja so wichtig für uns, weil er auch den Alltag bedienen kann und die Dreißigjährigen für uns gewinnt.“ Was das Wort Alltag angesichts von 20.000-Euro-Kleidern bedeutet, sei mal dahingestellt. Auch ist die Frage, ob man sich so mit der Couture hinreichend vom Prêt-a-porter de luxe unterscheidet. Aber es ist schon auffällig, wie begeistert zum Beispiel die brasilianische „Vogue“ backstage die Dior-Looks fürs Couture-Shooting auswählt.

          Trotzdem: Hand aufs Herz, Monsieur Toledano, in der ersten Reihe saßen weitgehend ältere Damen, da gehörte Madame Chirac schon zu den jüngeren. Und das soll Verjüngung bedeuten? Sidney Toledano, der gerade noch behauptet hatte, das Durchschnittsalter der Couture-Kundinnen sei in einem Jahrzehnt um ein Jahrzehnt auf Anfang dreißig gesunken, sucht nach Worten. Da kommt die Antwort gelaufen in Form von drei Amerikanerinnen Anfang dreißig in bonbonfarbenen Kleidern, die sich begeistert verabschieden. Toledanos Replik auf die Verjüngungsfrage kann also knapp ausfallen: „Haben Sie’s gesehen?“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Pläne der Bahn : Zugfahren nur noch mit FFP2-Maske?

          Die Deutsche Bahn denkt über eine FFP2-Maskenpflicht in sämtlichen Regional- und Fernzügen nach. Das würde einen Bedarf von Millionen Masken täglich bedeuten. Und es gibt noch weitere Probleme.
          Christian Sewing, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank

          F.A.Z. Exklusiv : Die Deutsche Bank ruft nach mehr Staat

          Das Frankfurter Geldhaus sieht die gemeinsamen Corona-Hilfskredite von KfW und Geschäftsbanken als Erfolgsmodell. So sollte nun auch die Transformation der Wirtschaft in Bereichen wie Verkehr und Künstlicher Intelligenz finanziert werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.