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Modewoche in Paris : Die Jüngeren haben immer recht

„One shoulder dresses“, strenge Plissees, High-Low-Kleider und überweite Kostüme: die Chanel-Show in Paris Bild: AFP

Sportlich, bunt, jung: Die drei Marken, die das Prêt-à-Porter in Paris beschließen, sind sich einig in ihrer schreiend modernen Aussage.

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          Tut sich da was? Auch Schauen, die digital übertragen werden, haben Verspätung. Nur dass man hier vor dem Computer sitzt, auf ein Videobild mit dem gusseisernen Geländer und der schönen Glasdachkonstruktion der Samaritaine blickt und – nichts passiert. Wenn man dort säße, in dem alten Warenhaus an der Seine, das der Konzern LVMH prächtig renoviert hat, könnte man immerhin die anderen Gäste beobachten, denn die Schau vor der Schau ist meist ebenso wichtig wie die richtige Schau. Aber aus der Ferne muss man sich fragen, weil die Kamera nicht ins Publikum geht und fast eine halbe Stunde lang still verharrt: Tut sich da was?

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Als es beginnt, tut sich fast zu viel. Denn Nicholas Ghesquière, der Chefdesigner von Louis Vuitton, scheint die erzwungene Distanz zum Publikum mit klaren Aussagen überbrücken zu wollen. Das erste Oberteil schreit mit einem bunten Graffito in die Welt hinaus: „Vote“. Die folgenden Merkworte wie „Drive“, „Skate“ oder „React“ sind zwar etwas unverfänglicher. Aber der Wahlaufruf ist eindeutig: Hier gibt sich jemand engagiert, denn das kommt in der Szene immer gut an. Die Frage ist, ob das auch Bernard Arnault so sieht, der Chef des LVMH-Konzerns, der vor einem Jahr mit dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump eine Produktionsstätte für Handtaschen in Texas eröffnet hatte – woraufhin Ghesquière bei Instagram das Cover des Evelyn-Thomas-Schwulensongs „High Energy“ postete, versehen mit den Hashtags #trumpisajoke und #homophobia.

          Bei Louis Vuitton versucht man die Distanz mit klaren Aussagen zu überbrücken.
          Bei Louis Vuitton versucht man die Distanz mit klaren Aussagen zu überbrücken. : Bild: AFP

          Die politische Aussage ist der alte Versuch, die virtuelle Welt der Mode auf die Wirklichkeit zu beziehen – und ihr so eine Bedeutung mitzugeben, die über Schutz und Schönheit hinausgeht. In Zeiten, in denen die Wirklichkeit durch unumstößliches Abstandhalten weiter entfernt ist denn je, wirken solche Überbrückungsversuche seltsam. Erstens, weil politische Botschaften billig zu haben sind – in den großen Zeiten von Katherine Hamnett und Vivienne Westwood gehörte fast noch Mut dazu, heute aber gibt’s Haltung am Grabbeltisch. Und zweitens, weil es heute Legitimitätsprobleme ganz anderer Art gibt: Der Klimawandel sollte Modemacher mindestens so sehr beschäftigen wie das Trump-Bashing. Diese Botschaft ist in Paris aber noch gar nicht richtig angekommen, wie man an den vielen Plastikbeimischungen sieht. Das ist übrigens eine Chance für die Mode aus Deutschland, wo man sich viel stärker mit dem unausweichlichen Ressourcen- und Recycling-Thema beschäftigt.

          Prägnant auf kleinen Bildschirmen

          Glaubwürdiger ist da schon die „gender fluidity“, die Ghesquière wirklich flüssig übersetzt. Aber auch da übertreibt der Modeschöpfer, zumindest in der Theorie: Ein Bereich, der das Geschlecht „auslösche“, verspreche „exponentielle kreative Möglichkeiten“, sagt er zur Erklärung. Diesseits dieser radikalen Vorstellung sind die kreativen Möglichkeiten dann auch schon zu entdecken: Die Achtziger-Jahre-Silhouetten mit bauschigen Oberteilen verstärken den übergeschlechtlichen Charakter. Und sie verjüngen die Kollektion auf fast schon paradoxe Art.

          Da Sitznachbarn in der ersten (oder zweiten) Reihe fehlen, wenn man vor dem Bildschirm sitzt, gibt eine kleine Umfrage in der Redaktion die Richtung vor. Der ältere Kollege sagt abgeklärt: „Sieht aus wie Thierry Mugler!“ Die Referenzen kommen ihm zu bekannt vor aus hässlichen Jugendtagen. Die Praktikantin hingegen glaubt, dass die überschnittenen Schultern und die aufgeplusterten Ärmel mindestens dem halben Jahrgang in ihrem Modejournalismus-Studiengang gefallen werden. Und in der Mode gilt nun mal das ungeschriebene Gesetz: Die Jüngere hat immer recht.

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