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Modewoche in Istanbul : Über den Laufsteg geht Protest

  • -Aktualisiert am

Warum? Designerin Nihan Buruk und ihre Männer-Models protestieren nach der Modenschau Bild: Getty Images

Zu Beginn der Mercedes-Benz Fashion Week war es noch ruhig. Doch dann kam die Nachricht vom Tod eines Fünfzehnjährigen – und die Designer in Istanbul nutzen die Modewoche zur Meinungsäußerung.

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          Der Tod eines Fünfzehnjährigen, der vergangenes Jahr von einer Tränengaskartusche der Polizei am Kopf getroffen wurde und vergangene Woche daran starb, entfachte wieder Proteste gegen Erdogan und seine Regierung. „Der unsterbliche Berkin Elvan“, wie er in sozialen Medien genannt wird, rüttelte die ganze Türkei auf. Sogar die Modewoche hörte das Echo. Dabei konnte am ersten Tag der Mercedes-Benz Fashion Week niemand ahnen, wie politisch die Woche würde.

          Am Bosporus im Antrepo-Gebäude des Museums Istanbul Modern im hippen Viertel Karaköy startet die Modewoche voller Hoffnung. Die Mutter-Tochter-Marke DB Berdan schöpft aus der kulturellen Vielfalt der Türkei. Mit lebhafter Laz-Musik vom Schwarzen Meer bringen sie das Publikum zum Tanzen – bevor am nächsten Tag die traurige Nachricht kommt.

          Sogleich versammeln sich die Menschen in verschiedenen Stadtteilen. In Kadiköy protestieren die Lehrer Berkins im Stillen. Auf der Fähre von der asiatischen zur europäischen Seite bricht eine junge Frau in Wut aus. Auf ihrer linken Brust ist ein Bild von Berkin Elvan befestigt. Ihr sei schlecht von dieser Regierung, ruft sie. Ob die angebotenen Bonbons auch gegen ihre Übelkeit helfen, fragt sie den Verkäufer. Viele der Passagiere applaudieren ihrer Rede, sie spricht ihnen aus der Seele.

          Zum Gedenken ein Brot in der Hand

          Auch im Antrepo-Gebäude wird protestiert. Nihan Buruk reagiert am selben Tag mit der ersten Männerkollektion ihrer Marke Nian auf den Todesfall. „Neden?“ (Warum?) fragen ihre Models mit Schildern in der Hand vor einem Gitter mit dem Bild von Berkin. Mit erhobener Faust verlässt die Designerin an der Seite des Schauspielers Yunus Günce den Laufsteg: „#Hoscakal“ (Lebewohl) steht auf ihrem Shirt.

          Neben Designern tun auch viele Schauspieler, die in Fernsehserien Entwürfe der jungen Modemacher tragen, ihre politische Meinung kund. Am Abend bei der Show des beliebtesten Designers Özgür Masur zeigen sie sich aber kaum. Absagen wollte Özgür Masur, der sich vor allem durch türkische Seifenopern einen Namen machte, seine Show nicht. Doch um des umgekommenen Jungen zu gedenken, betritt er nach seiner Schau den Laufsteg in der französischen Botschaft mit Brot in der Hand – weil Berkin damals nur zum Brotholen auf die Straße gegangen war.

          Am nächsten Tag, dem Tag der Trauerfeier, gibt der Veranstalter IMG bekannt, alle Schauen von Mittwoch auf Samstag zu verschieben. Zeynep Tosun, eine der betroffenen Designerinnen, nimmt selbst an den Protesten teil, die wieder zu Straßenschlachten mit der Polizei führen. Über Instagram teilt sie ein Kurzvideo des Protests, an dem sie teilnimmt. Sie nennt es: „Tayyip, schick Bilal zum Brotholen.“

          Die Frauen sind an den Gezi-Protesten gewachsen

          Der zynische Ausruf ist auch eine Anspielung auf das angebliche Telefonat zwischen Erdogan und seinem Sohn Bilal, das vor einigen Wochen die Machenschaften des Ministerpräsidenten ans Tageslicht bringen sollte. In den Aufnahmen befiehlt der mutmaßliche Erdogan seinem Sohn, Gelder zu verstecken, die sich später als Bestechungsgelder entpuppen.

          In der Nacht auf Donnerstag kommt in Tunceli ein Polizist ums Leben, in Istanbul ein 21 Jahre alter Mann während der Proteste. Die Modewoche geht weiter, aber in betrübter Stimmung. Nihan Peker lässt den Hashtag Berkin Elvan an der Bühnenwand des Laufstegs plakatieren. Designerin Gamze Saracoglu verzichtet für ihre Show auf Musik. Statt eines Remix-Liedes der britischen Band Metronomy hört man nur die High Heels der Models klacken.

          Gamze Saracoglu möchte, so sagt sie nach der Schau, starke Frauen zeigen. An den Gezi-Protesten, so findet die Designerin, seien die Frauen sogar gewachsen – weil sie sich für ihre Rechte einsetzen, eine eigene politische Meinung entwickeln, sich anziehen, wie sie es möchten, und auf eigenen Beinen stehen.

          Einen Schatten, so meint die Designerin, habe die politische Lage nicht auf die Modewoche geworfen, sondern auf die gesamte Türkei. Die Modewoche helfe dem Image von Istanbul: „Ich habe als erste Designerin eine stumme Show präsentiert“, sagt Gamze Saracoglu. „Die Modewoche ist eine passende Plattform, um sich mit einer Reaktion auf die politischen Geschehnisse Gehör zu verschaffen.“

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