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Vetements-Stil als neuer Trend : Wie Hässlich das neue Schön wurde

Grunge: Die Rüschen von Vetements faszinieren plötzlich erschreckend viele andere Designer. Bild: AFP

Wer in seiner Kleidung gut aussieht, hat was falsch gemacht. Denn die Modewelt zieht es zum Hässlichen. Wie das passieren konnte? Ein Erklärungsversuch in acht Schritten.

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          Schritt II: Die langweilige Mode auf der großen Bühne aufmischen.

          Im Oktober 2015 arbeitet sich die experimentelle Mode auf die großen Laufstege vor – oder zumindest auf die, die gerade dafür gehalten werden. Sind experimentelle Designer dieser Tage also präsenter? Oder arbeiten die präsenten Designer einfach experimenteller? Auf Vetements trifft beides zu. Die junge Marke hat eine Karriere hingelegt, für die man tatsächlich mal das Wort Hype herbeiziehen muss. Die Schau im Oktober eröffnet das Kollektiv mit einem gelben DHL-T-Shirt – in einem zweigeschossigen Asia-Restaurant. Die Models stapfen über den Laufsteg, statt zu gleiten. Und Jonathan Anderson, seit einem Jahr Chefdesigner bei Loewe, verpackt einen Teil des Unesco-Gebäudes in Folie und nutzt sie auch großzügig in der Kollektion. Die Hosen sind aus frischhalteähnlicher Folie, die Clutch-Bags sehen aus wie Klarsichthüllen, das Material der Jacken ähnelt Luftpolsterfolie.

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          Schritt III: Die experimentelle Mode auf den Boden der Verkaufsflächen holen.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Image ist nicht alles, aber viel. Wer die Folien-Teile bei Loewe sieht, kauft am Ende womöglich eine der schlichten Puzzle-Bags aus Leder. Und Vetements-Jeans, zusammengestellt aus Flicken alter Modelle, sind ohnehin immer ausverkauft, trotz der 1200 Euro, die sie kosten.

          Patchwork: Und noch einmal Schichten, wie hier bei Koché. Zumindest das T-Shirt ist wie eine weiße Leinwand.

          Schritt IV: Mit Experimenten in den Olymp der Mode kommen.

          Allein die Nachricht vom Oktober reicht, um dem gewöhnungsbedürftigen Vetements-Stil eine Daseinsberechtigung zu geben: Demna Gvasalia, wichtigster Teil des Kollektivs, wird Chefdesigner bei Balenciaga.

          Schritt V: Mit dem Stil eine ganze Stadt anstecken.

          Ob junger Designer oder altes Haus: Wenn einer sich traut, folgen viele. Ausgerechnet in Paris, der Stadt der großen Mode und der letzten Welle des Minimalismus, ist man angefixt von überhaupt nicht wohlanständiger Mode. Zu sehen bei der jungen Designerin Christelle Kocher (Koché) oder bei Clare Waight Keller (Chloé). Sie kombiniert zu den typischen Rüschen-Seidenblusen jetzt enge Biker-Hosen, Leder-Einteiler, Leder-Culottes. „Tougher, härter, gewagter“, sagt die Designerin backstage nach der Schau. „Wirklich viel gewagter.“ Wer Aufmerksamkeit will, muss sich was trauen. Bewundernswert kühn auch die neue Brille, die Clare Waight Keller trägt: ein riesiges Gestell aus Metall.

          Seventies: Das Disco-Hemd bei Rochas wäre schon genug. Mit einem Trägerkleid darüber wird’s verlässlich hässlich.

          Schritt VI: Apropos Trägerin.

          Wie präsentiert man die so mutige wie hässliche Mode? Man nutzt Models, die man auf der Straße gecastet hat. Streetcasting – dafür stellt man sich nicht unbedingt in die Fußgängerzone und spricht jeden Dritten an. Streetcasting betreiben Designer auch auf Instagram oder unter befreundeten Künstlern. Hauptsache, sie laufen dann auch in den Sachen über den Laufsteg.

          Schritt VII: Alternative Alternativ-Model.

          Andererseits: Die schönsten Models sind ohnehin die unperfekten. Ruth Bell hat raspelkurze Haare, Gigi Hadid ein paar Pfund zu viel, und so weiter. Natürlich sind diese Frauen schön, aber eben auch so anders, dass sie das Gegenteil von gefälliger Mode verkörpern.

          Schritt VIII: Die Riesenbühne nutzen.

          Bei Balenciaga steht Demna Gvasalia mit seinen Experimenten nun auf großer Bühne. Riesige Daunen-, Wind- und Jeansjacken, Wollpullover, die wie getragen aussehen, noch ältere florale Kleider. Die Verarbeitung ist natürlich so ausgezeichnet, wie es nur eine Pariser Marke schafft. Der Look – längst typisch pariserisch von heute.

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