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Gucci-Schau in Rom : Entwürfe der Freiheit

Freier, jünger und entrückter als Alessandro Michele kann man Mode nicht interpretieren. Bild: AP

Chefdesigner Alessandro Michele präsentiert die neue Gucci-Kollektion in seiner Heimatstadt Rom – und ist mit seiner Mode so erfolgreich wie die Grünen bei der Europawahl.

          Vor der Modenschau wird ein unbeschnittenes Buch aus dem Jahr 1846 zugestellt: „L’arte di verificare le date“. Das Rätsel der Daten erschließt sich auf Seite drei: Ein Stempel lädt zur Cruise-Schau von Gucci in den Kapitolinischen Museen ein. Und es erschließt sich noch besser am Dienstagabend, nach Ende der Schau: Denn da sagt Gucci-Chefdesigner Alessandro Michele, dass „libro“ (Buch) und „libero“ (frei) wortgeschichtlich dieselbe Wurzel haben. Kein Wunder, dass er in dem wunderschönen Antiquariat Cascianelli, einem seiner Lieblingsorte in Rom, eigenhändig Hunderte Bücher gekauft hat und den Gästen als Einladung zuschicken ließ: So kündigt ein Nerd, der samstags nach antiquarischen Raritäten sucht, eine Kollektion mit freier Mode an.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Gucci in Rom – das ist wie Eulen in Athen. Die Idee, das ganz alte Rom umzuwidmen für eigene Zwecke, ist natürlich bestechend. Das Unternehmen wurde zwar 1921 von dem Sattlermeister Guccio Gucci in Florenz gegründet und hat seinen Hauptsitz heute in Mailand. Aber Alessandro Michele, der Über-Designer, ist eben ein Römer. Vor den Toren der Stadt ist er groß geworden. Als Kind, so erzählt er, habe er nicht Fußball gespielt wie die anderen Jungs. Mit seinem Vater, der als Techniker bei Alitalia arbeitete, ging er stattdessen in Galerien und Ausstellungen, auch gerne in die Kapitolinischen Museen. „Ich war besessen von der Antike.“

          Kunterbunt und kurios: Ein Model zeigt die Gucci Cruise Collection im Kapitolinischen Museum in Rom.

          Er scheint auf ewig in der Ewigen Stadt bleiben zu wollen. Während heute die meisten der mehr als 10.000 Mitarbeiter in der Zentrale in Mailand arbeiten, sitzt er mit seinem Design-Team in Rom und fährt nur alle paar Wochen zum Gucci-Hauptsitz. Noch etwas macht die Hauptstadt des Römischen Reichs für die seit Jahren erfolgreichste High-Fashion-Marke aktuell: Hier geht es um die symbolische Eroberung des öffentlichen Raums, für eigene Zwecke natürlich. Denn Modenschauen dienen dem Geschäft – und nicht, wie manche Influencer meinen, der Verschönerung des Lebens.

          Parallelen zu den Grünen

          Gucci ist aber auch ein Beweis dafür, wie man ein Lebensgefühl einfangen und in Prozente überführen kann – fast so wie die Grünen, die bei den Europawahlen am Sonntag die Stimmungslage in ein hervorragendes Ergebnis verwandelten. Bei Gucci ist der Zuspruch ähnlich stark. 2014 stagnierte der Umsatz bei vier Milliarden Euro. Dann setzte die Muttergesellschaft Kering den Manager Marco Bizzarri als CEO ein, der kurz darauf Alessandro Michele zum Chefdesigner machte. Seitdem ist das Unternehmen mit irrwitziger Dynamik gewachsen. Der Umsatz verdoppelte sich auf 8,29 Milliarden Euro im Jahr 2018; fast zwei Drittel stammen von „Millennials“ unter 35 Jahren.

          Als wäre es ein Treppenwitz aus der Geschichte der alternativen Bewegungen: Alessandro Michele sieht auch noch aus wie ein Grüner der ersten Stunde, also nicht wie ein telegen verstrubbelter Robert Habeck, sondern wie ein Walter Schwenninger mit langen Haaren und ernst gemeintem Rauschebart. Michele, der auch gerne eine Lorbeerkranz-Dornenkrone trägt, ist eine Art weltlicher Gesù Redentore: ein Erlöser vom Druck, sich konform zu kleiden, ein Befreier von den Zwängen des Dress-Codes. Auf die Frage, ob es für den Abend in Rom eine Kleiderregel gebe, kommt vom Unternehmen die Antwort, man dürfe auch in Sneakern kommen: „Bei Gucci feiern wir Freiheit und Selbstentfaltung.“

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