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Uomini alla moda

Text von Alfons Kaiser, Fotos von Helmut Fricke

24.07.2018 · Wo fängt guter Stil an? Und wo hört er auf? Bei der Modemesse Pitti Uomo in Florenz haben Männer aus aller Welt die Grenzen des Geschmacks mal wieder erweitert.

ANGELO FLACCAVENTO

Er ist der wichtigste italienische Modekritiker. Wie, das sieht man nicht? Doch, das tut man. Denn Angelo Flaccavento, der für die Wirtschaftszeitung „Il Sole 24 Ore“ schreibt, wahrt auch bei der Schau zur Wiedergeburt des Labels Roberto Cavalli kritische Distanz: Er trägt keine italienische Marke - sondern Homme Plissé, die Männermodelinie von Issey Miyake, der mit seinen Plisseestoffen vor allem Frauen ausstattet. „Ich mag's, wenn zwischen mir und meinen Sachen noch etwas Platz ist“, sagt der Sechsundvierzigjährige. „Das ist bequemer.“ Und diese Schuhe? „Die sind aus irgendeinem dunklen Laden in Sizilien.“


AVNEET SINGH

Er stammt aus Indien, ist in Kalifornien groß geworden, lebt in Berlin und sucht schöne Schuhe in Florenz. Avneet Singh, ein praktizierender Sikh, wie man an seinem kunstvoll gebundenen Turban erkennt, ist Chefeinkäufer für Männerschuhe bei Zalando. „Mir geht es um Einfachheit mit dezenten Details“, sagt er über seinen Stil. Zum blauen Anzug von Drykorn trägt er handbestickte Slipper der amerikanischen Marke Donald Pliner. Für Friedrichshain, wo er lebt, wäre es slightly overdressed. Hier in Florenz passt es wunderbar.


GEROLD BRENNER

Und wer sticht wirklich aus den mehr als 30.000 Besuchern der Messe heraus? Ein Deutscher! Gerold Brenner trägt einen multikulturellen und teils wiederverwerteten Mix. Hose und Hemd sind von seiner eigenen Marke, die er in Zürich aufbaut. Den Kimono aus einem Secondhandladen trug angeblich die „Madame Butterfly“ aus der ersten Inszenierung in Florenz vor mehr als 100 Jahren. Kleidung ist für den Sechsundfünfzigjährigen, der Herrenschneider gelernt hat und lange als Designer arbeitete, ein Mittel zur Kommunikation. Mit diesem Look teilt er uns mit, dass wir ans Upcycling denken sollen. Richtig so!


MASATO NISHIMURA

Es ist ein Zufall, aber er sagt viel aus über die Wiederkehr von Issey Miyake. Auch Masato Nishimura trägt, wie Angelo Flaccavento (oben), Jacke wie Hose von der Miyake-Linie Homme Plissé. Der 36 Jahre alte Einkäufer des Kaufhauses Hankyu Hanshin in Osaka setzt Akzente mit Nike-Sneakern und einer Tasche von Goyard. Was ist wichtig für seinen Stil? „Dunkel und elegant muss es sein.“ Ein Mann vieler Worte ist er nicht. Er sagt ja auch alles mit seiner Kleidung.


BRUCE PASK

Das sieht alles sehr lässig aus, fast schon unstrukturiert. Aber der „Men's Fashion Director“ des New Yorker Kaufhauses Bergdorf Goodman hat sich natürlich etwas dabei gedacht. Bruce Pask trägt eine Jacke von Craig Green, dessen Schau er gerade besucht, ein Hemd von Christophe Lemaire für Uniqlo, eine Hose von der Closed-United-Arrows-Zusammenarbeit und Sneaker von Common Projects. Noch Fragen? Ja, was ist wichtig für seinen Stil? „Man muss sich selbst treu bleiben, aber sich auch ein bisschen Mühe geben.“


FABRIZIO UND VALERIO SALVATORI

„Two Twins“, das klingt zwar doppelt gemoppelt, so wie „weißer Schimmel“ oder „Augenoptiker“. Aber Fabrizio und Valerio Salvatori haben sich ihren Pleonasmus verdient. Die Brüder aus dem beschaulichen Porto San Giorgio an der Adria sind Sänger, DJs, Models, Schauspieler und Fernsehfiguren. Vor allem der Bart - beziehungsweise die Bärte - sind ein gutes Markenzeichen. „Wir haben uns noch nie rasiert. Und wir schwören, dass wir uns nie rasieren werden, bis wir tot umfallen.“ Wie alt sie sind? „23“, sagt Fabrizio oder Valerio. „46“, sagt Valerio oder Fabrizio.


RICCARDO VANNETTI

Man muss ein bisschen warten, bis er zu Ende telefoniert hat in der Via di Santo Spirito. Kein Wunder, denn Riccardo Vannetti ist als „Tutorship Director“ so etwas wie der Trendscout der Pitti-Modemesse. Immer auf der Suche nach neuen Designern, bekommt er oft Anrufe aus aller Welt und ist während der Messe dauernd in Florenz unterwegs. Das passt gut ins Bild, denn Fahrrad und Handy sind auch schöne Accessoires. Sein Rezept für guten Stil ist eigentlich recht simpel: „Man braucht italienische Schuhe und die richtige Anzuggröße“, sagt der Fünfundvierzigjährige. Er hat sie bei Ferragamo gefunden. Und auch das passt hier: Die Zentrale der Marke liegt keine 300 Meter entfernt.


JORGE PUENTE

Mag sein, dass er nicht mehr der jüngste ist. Aber der Innenarchitekt aus Buenos Aires kann sich ein eng geschnittenes Sakko von Daniel Hechter und ein Hemd mit Haifischkragen von Nelson Alessi noch locker leisten. Jorge Puente gestaltet die Läden für die Bekleidungskette La Martina und für weitere Marken in Südamerika. Daher ist er auf der Modemesse unterwegs. Die unerwartete Aufmerksamkeit der Fotografen steht er locker durch.


TERENCE KHALA

Er steht gefährlich nah bei den „Pitti Peacocks“ herum, den geckenhaften Fotomotiven auf der Florentiner Messe. Aber die Nähe färbt zum Glück nicht ab, auch wenn Terence Khalas eigene Herrenmarke Khalaful heißt. „Ich bin kein Dandy“, sagt der Dreißigjährige aus Johannesburg, und man sieht es. Er hat zwar Lust an der Inszenierung, peinlich sieht das aber nicht aus. „Wir sind in Südafrika recht klassisch“, sagt er. Und Farben gehören dort eben dazu.

Quelle: F.A.Z. Magazin

Veröffentlicht: 24.07.2018 14:29 Uhr