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Modehaus Brioni : Porträt in Nadelstreifen

Der Vorstandsvorsitzende des italienischen Herrenausstatters Brioni: Francesco Pesci Bild: Gilli, Franziska

Vom Maßschneider zur Weltmarke: Das italienische Modehaus Brioni hat turbulente Jahre hinter sich. Mit neuem Chef und neuen Besitzern geht es nun wieder auf Expansion. Die aber hat ihren Preis.

          5 Min.

          Auf die Feinheiten kommt es an, auf die Finessen und die Kniffe, auf den Stoff, den Schnitt und die saubere Naht. Jacke wie Hose, Schulter wie Saum, Außen wie Innen. Alles in einer Linie, alles in einem Stil. Mitten im Gespräch steht Francesco Pesci plötzlich auf. Er stellt sich neben den kniehohen Teetisch, zupft an seinem Revers, strafft das Jackett und ruckelt am Bund. Perfekt. Ein Klassiker in Anzugsform. Der Mann ist für Sekunden sein eigenes Modell. Der Chef von Brioni gibt eine Demonstration des Könnens seines Hauses.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Im rund 300 Milliarden Euro großen Markt für Männermode mag das italienische Label eine kleine Nummer sein, doch das 70 Jahre alte Unternehmen aus Rom gilt in der Branche als eine Firma mit Ruf. Der Chef hat den Ehrgeiz eines ausgebufften Managers, die Mitarbeiter sind Meister ihrer Klasse, die Anzüge so teuer wie ein ganzer Kleiderschrank. Seit Brioni nach einem schlagzeilenträchtigen Streit in den Gründerfamilien vor drei Jahren unter das Dach des Kering-Konzerns der französischen Pinault-Familie rutschte, sind die Italiener wieder in der Spur. Sie setzen auf Wachstum und Expansion, Qualität und zahlungskräftige Kunden. Pesci hat viel vor, und die Pinaults haben große Pläne. Brioni ist eines ihrer heißesten Eisen im Feuer.

          Übernahmewellen bestimmen Modebranche

          Die Marke hat eine eigene Schule und pflegt ihren eigenen Stil; sie ist das einzige Label im Kering-Konzern, das ganz auf Männermode setzt. Was Mitte der vierziger Jahre als kleiner Herrenmaßschneider im Zentrum der Ewigen Stadt begann, ist heute einen Name von Welt und Geschichte. Pesci hat die Zukunft im Blick. Er wird anderthalb Stunden über seine Pläne und Ideen reden, über das Mutterhaus und die Konkurrenz, über die Beschaffung der Materialien, die Produktion in Italien und den Vertrieb in aller Welt, über Freizeitlook und Bürouniformen, über griechische Klassik, römische Antike, über die neuen Läden in Deutschland, die Chancen in Amerika und die Risiken in China.

          Die Pinaults lassen ihm freie Hand. Pesci muss liefern; er weiß, was zu tun ist; er kennt sich aus: Das Angebot muss stimmen und der Gewinn wachsen, das Personal hat auf dem neuesten Stand der Zeit und die Kundschaft in Kauflaune zu sein. Der Kurs der Kering-Aktie legte seit der Übernahme der italienischen Meisterschneider rund 20 Prozent zu. Kering ist ein Sammelsurium Dutzender Luxusmarken. Brioni soll die Pinaults einen dreistelligen Millionenbetrag gekostet haben. Pesci will dazu nichts sagen. Kering schweigt. In der letzten eigenständigen Bilanz hatte die Brioni Roman Style Spa vor zwei Jahren einen Erlös von 120 Millionen Euro verbucht. Doch mit Fakten hält sich der Chef des Hauses zurück, die Zahlenmeister sitzen in Paris. Sie rechnen mit spitzen Stiften. Kering hat den Branchenprimus Louis Vuitton vor der Brust, den riesigen Hauskonzern der Arnault-Familie. Beide Familien wollen gewinnen, und durch die Branche schwappt seit Jahren eine Welle der Übernahmen. Kering kaufte Brioni; Lous Vuitton erwarb Loro Piana; Gucci gehört den Pinaults, Marc Jacobs den Arnaults; Alexander McQueen ging an Kering, Fendi an Louis Vuitton. Versace wollten beide, doch die Versaces versuchen es allein. Armani und Zegna pochen auf ihre Eigenständigkeit. Kein Börsengang, keine Übernahmen, keine Experimente. Brioni kann sich mit Kering im Rücken nun an den Riesen der Branche messen.

          Meditterane Lässigkeit gegen britische Steifheit

          Fast die Hälfte des Geschäfts macht Pesci mit dem, was er „Leisure Wear“ nennt: Freizeitkleidung aller Art. Pullover, Jacken, Hosen. Dazu kommen Accessoires. Krawatten, Taschen und Schuhe. Der Laden läuft, das Geschäft brummt. Lizenzen für Brillen, Gürtel oder Uhren vergibt Pesci nicht. Wo Brioni draufsteht, sei auch Brioni drin, sagt er. Alles made in Italy, alles aus dem eigenen Haus, alles eigene Schule. Eine Seltenheit in der Branche, die oft selbstverliebt und etwas glitzernd daherkommt. Pesci mag es nüchtern. Er weiß, was ein Cash flow ist und was eine Kappnaht; er pflegt seinen eigenen Stil - auch am gutgedeckten Tisch einer Frühstücksbar in einem Frankfurter Hotel. Er sitzt im ersten Haus am Platz. Fassade aus der Gründerzeit, holzgetäfelte Wände, Sofa, Sessel und ein Kellner mit dem Flair eines englischen Butlers. Alte Schule. Um die Ecke stehen die Türme der Banken. Pesci hat sich vor seiner kleinen Anzugs-Demonstration noch ein Stück weißen Zucker in den dampfenden Espresso gerührt. Langsam und konzentriert. Nun steht er neben dem Tisch und geht ins Detail. Marineblauer Einreiher, keine Polster, doch weich in den Schultern, schmal in den Armen, gepaspelte Taschen, runder Abstich, klare Kante; ein Einstecktuch, zwei Rückenschlitze. So hatte Brioni-Gründer Gaetano Savini kurz nach dem Krieg den Stil des Hauses definiert; so hatte ihn sein Kompagnon Nazareno Fonticoli geschneidert; so trägt ihn Francesco Pesci auch heute. Schrieb die New Yorker Modepresse damals von Brioni, dann schrieb sie von „Römischen Säulen“. Ein Klassiker zu Lebzeiten.

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