https://www.faz.net/-hrx-9jqf9

Londons Designer von Welt : And where are you from?

Von Griechenland nach London: Mary Katrantzou Bild: Helmut Fricke

Viele Wege führen nach London: Keine Modemetropole ist bei jungen Designern aus Europa beliebter. Warum ist das so?

          5 Min.

          Alle Welt trifft sich in London. Das gilt auch für die Modewelt. Der Designer Erdem Moralioglu zum Beispiel ist in Kanada aufgewachsen, bevor er zum Studium nach London zog und hier sein Label gründete, Huishan Zhang in China, Rejina Pyo und Eudon Choi in Südkorea, Bora Aksu in der Türkei. Michael Halpern ist New Yorker, Emilia Wickstead kommt aus Neuseeland, Roksanda Ilincic aus Serbien, Natasha Zinko aus der Ukraine. Im September 2016, wenige Monate nach dem Brexit-Referendum, sagte Zinko bei ihrer Präsentation auf einer Dachterrasse in Mayfair: „Anderswohin würde ich niemals ziehen wollen.“

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          So denken auch viele Modemacher aus dem EU-Ausland: Mary Katrantzou kommt aus Griechenland, das Designer-Duo Peter Pilotto aus Österreich und Belgien, Natasa Cagalj, Kreativ-Direktorin bei Ports, ist slowenisch-kroatisch, Simone Rocha und Richard Malone kommen aus Irland, Roberta Einer aus Estland, Daniela und Annette Felder aus Deutschland und Johnny Coca, Designer bei Mulberry, aus Spanien. Und der Neue bei Burberry, Riccardo Tisci, ist Italiener. Er wurde in Neapel geboren und ist in Como aufgewachsen.

          Die Londoner Modeszene hat also so viel und so wenig mit Großbritannien zu tun wie der Rest dieser Stadt mit dem Land. Sie spiegelt die Welt wider – und Europa ist besonders nah. Nahe der Old Street in East London zum Beispiel hört man ein Deutsch, das zu gleichen Teilen von Jahrzehnten in Großbritannien und vom Aufwachsen im Schwarzwald gefärbt ist. Der Mann, der es spricht, heißt Markus Lupfer. Er hat eine typische Londoner Mode-Biographie. Lupfer hatte eine Weile in Trier Modedesign studiert, aber er wollte mehr: kreativer arbeiten, freier, weniger schulisch. Also London.

          Als er sich 1995 hier einschrieb, war das für ihn, als käme er endlich an – trotz der fremden Sprache. In Technik-Dingen war er seinen Kommilitonen voraus. Dafür brachte man ihm hier bei, einen eigenen Stil zu finden. „Persönlichkeitsentwicklung“ nennt Markus Lupfer das heute. Als Modedesigner musste er diese Persönlichkeit erst finden. Daraus wurde, nachdem eine Boutique in Covent Garden 1997 seine Abschlusskollektion gekauft und er gut zehn Jahre lang für Topshop gearbeitet hatte, das Modehaus Markus Lupfer.

          Deutschland: Markus Lupfer Bilderstrecke

          Szene ist internationaler geworden

          Zum Studium gekommen, für immer geblieben: Wenn es einen Grund gibt, warum die Stadt für Modedesigner aus aller Welt so oft ein Zuhause wird, dann ist es das universitäre System. Namentlich eine Institution: Central Saint Martins, das heute in der Nähe von King's Cross liegt. „Je mehr ich las, desto öfter begegnete mir diese Londoner Universität“, sagte Roksanda Ilincic einmal im Interview über ihre Anfänge. Sie war in den neunziger Jahren Architektur-Studentin in Belgrad. Dort erholte man sich gerade erst vom Jugoslawienkrieg, ausländische Modezeitschriften waren für die Studentin viel zu teuer, aber sie musste sie einfach lesen. Mode habe sie am meisten interessiert, sagt sie, die Architektur sei eine Vernunftentscheidung gewesen.

          Alle Designer, die sie bewunderte, seien an dieser Londoner Kunstschule ausgebildet worden, und über einen Namen stolperte Roksanda Ilincic damals immer öfter: Louise Wilson, Professorin des dortigen Master-Studiengangs für Modedesign. Wilson, die 2014 starb, hatte den Ruf, ihre Studenten wie eine sowjetische Ballettlehrerin zu triezen und so letztlich zu fördern. Als Roksanda Ilincic ihr schließlich beim Auswahlgespräch gegenübersaß und erzählte, dass sie später gerne ein eigenes Label gründen wollte, habe die Professorin nur gelacht und gesagt, sie wisse nicht, wie hart das sei. Nach dem Studium in den frühen nuller Jahren unterstützte Louise Wilson sie trotzdem. Jetzt, 15 Jahre später, hat Ilincic eine der führenden Modemarken der Stadt.

          Auch Markus Lupfer hat beobachtet, wie die Szene in den vergangenen zwei Jahrzehnten internationaler geworden ist. Als er anfing, seien um ihn herum vor allem britische Jungdesigner tätig gewesen. Der Werbeeffekt, den „Cool Britannia“ bald auf viele junge Menschen überall auf der Welt haben sollte, hielt sich damals noch in Grenzen.

          Weitere Themen

          Die große Show

          Lagerfelds Modenschauen : Die große Show

          Karl Lagerfeld baute Chanel-Schauen zu Gesamtkunstwerken aus. Möglich machten es Luxusboom, Eventisierung, Instagram-Marketing und sein Gespür. Und nun suchen alle die besten Locations.

          Ein Einblick in die Berliner Clubszene Video-Seite öffnen

          „Wie eine Droge“ : Ein Einblick in die Berliner Clubszene

          Freiraum und Kreativität sind Berlins Markenzeichen. Das zieht Künstler, Musiker und Clubpublikum aus der ganzen Welt an. Doch die Szene ist im Wandel. Der angesagte Club Griessmuehle und Techno-DJ DVS1 versuchen, die Clubkultur zu retten.

          Staunen und posaunen

          Black Jazz Records : Staunen und posaunen

          Ein schwarzes Label feiert goldene Hochzeit: Black Jazz Records, einst eine wichtige Firma für junge Musiker, kennt kaum noch jemand. Ein Konzert in Berlin belebt jetzt eine große Tradition.

          Topmeldungen

          Suzanna Randall: Eine von zwei Kandidatinnen für den Flug zur Internationalen Raumstation ISS

          Nach erstem Frauenduo auf ISS : Wie männlich ist der Weltraum?

          Die Nasa fremdelte lange mit der weiblichen Biologie. So vermuteten Ingenieure, weiblicher Urin sei schleimbasiert und könne im All Leitungen verstopfen. Raumanzüge in der richtigen Größe sind heute noch ein Problem.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.