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Protestmode : Russinnen in Rot

Ihre Lieblingsfarbe: Julia Nawalnaja Anfang Februar bei der Gerichtsverhandlung ihres Mannes in Moskau. Bild: AP

Tausende zeigen sich seit einigen Tagen auf Instagram in einer Farbe. Was taugt die Mode als Protestmittel? Die Kolumne Modeerscheinung.

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          Katya Fedorova lebt in Moskau, ist Modejournalistin und bei Instagram aktiv. Dort postet sie alles Mögliche aus ihrem Leben: ein Foto von einer Modenschau (561 Likes), eines von ihrer Tochter (661 Likes), ein Video von einem Cocktailglas, das auf einer Serviette von Prada steht (8471 Aufrufe). Ihr jüngster Beitrag gefällt mehr als 20.000 Mal. Katya Fedorova ist darauf in einem roten Pullover zu sehen. Wischt man nach links, sieht man die Ehefrau von Alexej Nawalnyj, Julia Nawalnaja, bei der Gerichtsverhandlung ihres Mannes am Dienstag vor einer Woche ebenfalls in einem Pullover in Rot.

          Jennifer Wiebking
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Deshalb trug auch Katya Fedorova tags darauf für das Foto bei Instagram Rot, „als Zeichen der Unterstützung für Julia Navalnaja sowie für alle Inhaftierten und Verurteilten, die keine Angst haben, ihre Ansichten zu äußern“, schrieb sie darunter. Dazu der Hashtag, der übersetzt bedeutet „SeiNichtTraurigAllesWirdGut“, Nawalnyjs mittlerweile berühmte Worte an seine Frau nach der Urteilsverkündung.

          Farben machen Menschen zu einer Gruppe

          Auch der Hashtag hat in den vergangenen Tagen an Bedeutung hinzugewonnen, mehr als 14000 Mal haben andere ihn bereits verwendet, meistens sind es Frauen, die dazu Bilder von sich in roten Kleidern posten.

          Sie bekennt Farbe: Selfie von Katya Fedorova auf ihrem Instagram-Account. Mit dem Hashtag „SeiNichtTraurigAllesWirdGut“ schlossen sich ihr viele an.
          Sie bekennt Farbe: Selfie von Katya Fedorova auf ihrem Instagram-Account. Mit dem Hashtag „SeiNichtTraurigAllesWirdGut“ schlossen sich ihr viele an. : Bild: Fedorova/Instagram

          Protestfarben: Bei Straßendemos machen sie seit mehr als hundert Jahren Menschen optisch zu einer Gruppe. In den Vereinigten Staaten kämpften Frauen schon Anfang des 20. Jahrhunderts in Weiß für ihre Rechte, die Suffragetten. In den siebziger Jahren machten die Schwulen mit Regenbogenfarben von San Francisco aus auf sich aufmerksam. Aber auch an anderen Orten wurde die Redensart „Farbe bekennen“ daraufhin immer häufiger wörtlich genommen: Kleider in Rot und Weiß während der Zedernrevolution im Libanon (2005), grüne Tücher in Iran (2009), die Schilder in Orange in der Ukraine (2014). Oder Hongkong: 2014 trugen diejenigen, die für mehr Demokratie kämpften, gelbe Schleifen. 2019 war dann Bekleidung in Schwarz in Mode.

          Was Menschen tragen, zeigt also häufig, was sie denken. Im Zeitalter der sozialen Medien, da Protest nicht mehr nur öffentlich bei der Demo geäußert werden kann, sondern jeder jederzeit seine Meinung kundtut und dafür häufig ein aussagekräftiges Foto braucht, trifft das umso öfter zu. Man muss das nicht ausschließlich schönreden: Dort, wo keine Konsequenzen zu befürchten sind, ist der Grat zwischen guter Tat und Selbstdarstellung schmal. Aber so oder so wird eine Gruppe, die sich auf eine Requisite einigt, digital zu einer Bewegung. Menschen mit pinkfarbenen Pussyhats oder mit Black-Lives-Matter-T-Shirts – oder Frauen in roten Kleidern. Was mit dem Hashtag auf Russisch gemeint ist, verstehen auf diese Weise alle.

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