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Shein erobert Deutschland : Gefährliche Verführung für Teenager

Unschlagbar günstig? Der Modediscounter Shein Bild: Bloomberg

Das chinesische Label Shein ist günstiger, schneller und digital selbstverständlicher als Discountermode bisher. Der erste Schein des bequemen Kaufrausches trügt allerdings. Wer bezahlt den Preis? Die Kolumne Modeerscheinungen.

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          Am Anfang des Jahres war unklar, wie sich dieser neue Modehersteller über­haupt ausspricht: Shein. Also „schain“? Oder zweisilbig: wie das englische Sie, „she“ – kurze Sprechpause – „in“? Am Ende dieses Jahres ist klar, dass die zweite Version die richtige ist. Es gibt auch in Deutschland wohl kaum einen modebegeisterten Teenager, der in den vergangenen zwölf Monaten bei diesem Angebot nicht mal schwach geworden ist.

          Jennifer Wiebking
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zara? H&M? Primark? Der Modegewinner des Pandemiejahres 2021 ist Shein aus China. Gegen die Discountermarke mit Firmensitz in Guangzhou mutet der schwedische Fast-Fashion-Händler H&M an wie ein Slow-Wear-Label. Shein ist jedenfalls noch günstiger, noch schneller und vor allem: digital selbstverständlicher. Als Kontakte in den ersten Monaten dieses Jahres beschränkt waren, die Restaurants, Bars, Clubs und Modeläden geschlossen blieben, waren das ständig wechselnde Angebot auf der Shein-Website, die sozialen Interaktionen über die App und die erschwinglichen Warensendungen für viele junge Menschen eine der wenigen großen Freuden.

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          Der Strickpullover für 16,99 Euro. Die hoch geschnittene weite Jeans für 15 Euro. Das Top mit tiefem Rückausschnitt für 16 Euro. Bestellen. Anziehen. Foto machen. Posten. Anschließend kann das Stück dann häufig weg.

          Shein hat aus der Haltung, ein Modeteil sei „verbrannt“, nachdem Besitzer es einmal auf ihrem Social-Media-Account präsentiert haben, ein Geschäftsmodell gemacht.

          Das Suchtpotenzial für Jugendliche ist hoch

          Man muss nicht besonders konsumkritisch unterwegs sein, um zu erkennen, dass den Preis für diese Kleider dann wohl jemand anderes zahlt. Zunächst einmal: die Umwelt. Denn jedes einzelne Paket wird auch an Kunden in Europa direkt aus China versendet. Die Retoure – sollten die Teile doch nichts sein – ist, gemessen am geringen Warenwert, meistens zu aufwendig, als dass sie sich lohnt.

          Wer bei diesem Konsumtrend noch zahlt: die Arbeitskräfte vor Ort vermutlich. Mode ist und bleibt auch in einer Hightech-Welt zu einem großen Anteil Handarbeit, selbst wenn Shein Angebot und Nachfrage, vom Näher bis zum Kunden, effizienter optimiert hat als jede andere Modemarke. Auch so erklärt sich der Erfolg in diesem Jahr.

          Und zuletzt dürften im Fall Shein doch viele Kunden selbst zahlen. Die britische „Times“ bemerkte im November, dass die an Casino-Spiele erinnernden Features der Marke mit Live­streams, Countdowns, Aufgaben und Zielen, an deren Ende Rabatt-Gutscheine warten, Konsumenten bewusst manipulierten, noch mehr zu kaufen. Selbst Zwölfjährige könnten die App runterladen und loslegen. Zocken und shoppen. Mit diesem Onlineangebot fügt sich das eine dem anderen. Das kann großen Spaß machen. Aber auch süchtig. Der Preis dafür ist dann deutlich höher als der für die hoch geschnittene weite Hose.

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