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Weißes Hemd :  Jetzt ein Zeichen der Zuversicht

  • -Aktualisiert am

Geistesgegenwart und Eleganz: Prinzessin Diana im ­weißen Hemd, 1997, in ihrem ­letzten Sommer Bild: Foto Mauritius/ Bearbeitung F.A.S.

Ein weißes Hemd zieht man nie bloß für sich selbst an. Unsere Autorin erkennt in dem Kleidungsstück gerade jetzt ein Zeichen der Zuversicht.

          4 Min.

          Von keinem anderen Kleidungsstück wünschte man sich mehr, dass es sprechen könnte, als von dem weißen Hemd. Es gäbe ja auch genug zu bereden. Das weiße Hemd ist gefragt, wenn es im Leben wichtig wird. Nur schweigt es eben gern. Weshalb man schließlich selbst zu sprechen beginnt und dazu meist Sätze bildet, die das Hauptwort „Klassiker“ und die Adjektive „clean“ und „perfekt“ enthalten.

          Persönlich machen mich diese Worte ein bisschen nervös, unter anderem weil es mir nie gelingt, ein weißes Hemd auch nur länger als fünf Minuten „clean“ zu halten. Kaffee und Zahnpasta. Ich fand immer, dass das eigentlich gut zu einer weißen Bluse passt.

          Wann bekleckern wir das weiße Hemd das nächste Mal?

          Also keine Styling-Tipps. Kein Pro und Contra den Slim-Fit-Hemden. Nicht in diesem Frühling, in dem es mir fast unerreichbar erscheint, je wieder mit anderen Leuten in einem kleinen Café zu sitzen und das weiße Hemd direkt vor Ort zu bekleckern. Nur im Fernseher und auf Youtube habe ich es in den vergangenen Monaten ständig gesehen. In den Nachrichten, in Talkshows und auf Pressekonferenzen zur Corona-Lage. Während der dramatischen Monate um den Regierungswechsel in den Vereinigten Staaten war ich täglich versucht, dem Hemd von Donald Trump etwas vorzuwerfen, was mir dem Hemd gegenüber dann aber doch irgendwie unfair erschien. Jamie Raskin, der Anklageführer des zweiten Amtsenthebungsverfahrens, trug ein weißes Hemd, als er am 9. Februar mit allen Mitteln, welche die Kunst des Arguments und der Rede dafür hergeben, die Verfassung verteidigte. Die Dichterin Amanda Gorman trug es bei ihrem historischen Auftritt anlässlich der Amtseinführung Joe Bidens, und zwar zu einem gelben Mantel von Prada. Hinterher sprach die Fashion-Welt begeistert über den leuchtenden Mantel, das Hemd, das darunter in Weiß hervorblitzte, kam zu kurz, was schade ist. Denn man konnte darin auch eine Anspielung an die Tradition der Bürgerrechtsbewegung sehen und an die große Rede. Schwarzer Anzug, weißes Hemd, das trug Martin Luther King.

          Distanzierter und stattlicher

          „Zieh heute ein weißes Hemd an.“ An diesen Satz muss ich denken. Daran, wie es mich als kleines Kind beeindruckt hat, meinen Vater zum ersten Mal in weißem Hemd und dunklem Anzug zu sehen. Er kam mir distanzierter und stattlicher vor, und mir war klar, dass er sich, so angezogen, weiter von unserem Küchentisch entfernen würde als an Tagen mit einem blauen, karierten oder gestreiften Hemd.

          Die Haltung verändert sich, sie wird feierlicher, offizieller. Ein weißes Hemd zieht man nie bloß für sich selbst an. Was umgekehrt der Grund ist, dass es sofort ausgesprochen privat wirkt, wenn sich jemand die Ärmel eines weißen Hemdes hochkrempelt, oder warum Lässigkeitstricks wie das einseitig über der Hose getragene Hemd nur mit ihm zuverlässig gut funktionieren. Ein Hemd, das dem Ego Grenzen setzt und zur gesellschaftlichen Rüstung taugt, ist wie ein leeres Blatt Papier, geschaffen, um darauf kleine Gesten des Eigensinns zu inszenieren.

          Meister des weißen Hemdes: Karl Lagerfeld trug es selbst und drehte den Klassiker in seinen Kollektionen häufig weiter.
          Meister des weißen Hemdes: Karl Lagerfeld trug es selbst und drehte den Klassiker in seinen Kollektionen häufig weiter. : Bild: AFP

          Harry Styles weiß das ganz sicher, auch wenn er in einem der meistgeclickten weißen Hemden des Lockdowns eine Steilstraße der Amalfiküste herunterrennt. Der durch Jugend und Schönheit privilegierte Held wirft sich in die Arme der Sehnsucht, fährt im Alfa Romeo durch die Gegend und tanzt sich im Gucci-Jackett in den bereits erleuchteten Abend. Auf mich wirkt das (verglichen etwa mit der Figur des talentierten Mr. Ripley in weißem Hemd) sagenhaft harmlos; aber ich gehöre nicht zur Zielgruppe und werde nach mehr als einem Jahr Home­­of­fice und Isolation wahrscheinlich einfach ungerecht gegenüber dem weißen Hemd am Mittelmeer.

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