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Kolumne Modererscheinung : Ist es sexistisch, über die Mode von Politikerinnen zu sprechen?

Ein weißer Anzug und ein paar dunkle Anzüge – Kamala Harris und ihr Mann Doug Emhoff (l.) neben Joe und Jill Biden Bild: AP

Als Kamala Harris zur ersten Vizepräsidentin Amerikas gewählt wurde, interessierten sich viele Medien für – ihr Outfit. Aber ist das wirklich so schlimm?

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          Als Kamala Harris als erste Frau und als erste Woman of Color zur Vizepräsidentin Amerikas wurde, wurde sie schlagartig zur Symbolfigur. Die indisch-amerikanische Autorin Mindy Kaling etwa schrieb unter ein Bild von Harris: „Ich weine und halte meine Tochter und sage ihr: ‚Schau, Baby, sie sieht aus wie wir.‘“ Und das, obwohl Harris vor ihrer Wahl weder als besonders links noch als besonders liberal und insbesondere bei afro-amerikanischen Wählern als eher unbeliebt galt. Dass sie nicht weiß ist – das ist nun mal so, egal, wie hart Harris in ihrem Job als Staatsanwältin in Kalifornien durchgriff. Und sie ist nun mal auch eine Frau. Was interessiert Medien bei Frauen in der Politik oft besonders? Die Kleiderwahl. Nach Harris’ Wahl wurden ihre Outfits von der Presse analysiert und bewertet, von dem lässigen Sportoutfit, in dem sie vom Wahlsieg erfuhr bis hin zu ihrem weißen Hosenanzug, den sie während ihrer ersten Rede als Vice President elect hielt und der in den Vereinigten Staaten in langer feministischer Tradition steht. Auf die Berichte über Harris’ Kleidung folgte Kritik: Warum, fragten viele empört, ist das gleich das Erste, auf das die Medien anspringen? Das „Was hatte sie an?“ – ein sexistischer Reflex, hieß es.

          Johanna Dürrholz
          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Und es stimmt ja auch: Vergleicht man die Anzahl der Berichte über Harris’ Kleidungsstil mit denen über Bidens Outfits, dann steht es vermutlich hundert zu null für Harris. Ist es, fragen sich viele zu Recht, bei Frauen wirklich nur die Oberfläche, die interessiert? Kann es sich nicht um die Inhalte drehen, die profilierte Politikerinnen propagieren? Über Bidens Anzüge jedenfalls hat sich, soweit wir es überblicken können, kein Reporter auch nur Gedanken gemacht. Allein: Es sind Anzüge. Bei den meisten Politikern sind es dunkle Anzüge. Die Uniform des Anzugs – was soll man da groß schreiben? „Biden trug in langer Tradition der, naja, männlichen Existenz einen dunklen Anzug?“ Wohl eher nicht.

          Dabei ist der Einsatz von Mode ein hochwirksames, politisches Instrument, ebenso wie der Einsatz von Stil. Eigentlich alle Menschen in der Politik bedienen sich dieses Instruments – Männer mit gewollt zerwuschelten Haaren (Boris Johnson) und lustigen Socken (Justin Trudeau) ebenso wie eben Frauen im knallroten Blazer, der aus dem Meer dunkler Anzüge umso deutlicher hervorsticht (Merkel auf circa jedem Gruppenfoto mit der Weltpolitik-Elite). Kleider senden Signale, bewusste und unbewusste. Das wissen Männer wie Frauen in der Politik. Frauen in der Politik aber schöpfen die Möglichkeiten dieses Machtmittels sehr viel geschickter aus als Männer. Meisterin darin ist die demokratische Abgeordnete Alexandria Ociasio-Cortez, die sich etwa die „Signature Red Lips“ zu eigen gemacht hat, knallrote Lippen, die ähnlich wie der weiße Hosenanzug eine feministische Geschichte haben, immerhin waren es die Suffragetten, die einst mit leuchtend roten Lippen durch New York City marschierten. Es ist also nicht sexistisch, darüber zu schreiben, was Frauen in der Politik für Signale senden, die möglicherweise darüber hinausgehen, was männliche Kollegen zeigen. Allerdings könnten Berichterstatter damit beginnen, sich auch die Kleidung männlicher Politiker vermehrt vorzuknöpfen. Wenn diese bloß nicht so langweilig wäre!

          Aber noch etwas ist interessant an den Sexismus-Rufen, die oft von Frauen kommen: Sie richten sich primär gegen etwas Weibliches. Sie werten Modeberichterstattung ab (die oft von Frauen gemacht wird), sie werten Mode als etwas traditionell weiblich Konnotiertes ab. Was aber ist so schlimm daran, weiblich zu sein? Sich zu schminken, zu kleiden und die Mode auch zu besprechen – ist das etwas Verwerfliches? Ist Frausein auf diese Art und Weise weniger wert als Mannsein? Wenn über den Hund von Joe Biden geschrieben wird, findet alle Welt es süß (wir übrigens auch). Er hat natürlich, ganz männlich und so, einen recht großen Hund. Wenn aber über den tollen Hosenanzug von Kamala Harris geschrieben wird, dann soll es sexistisch sein? Klar, auch hier kommt es auf den Ton an. Wenn man schreiben würde, wie hübsch der Anzug etwaige Kurven betont, wäre dies nicht mehr sachlich – und würde ohnehin die politische Dimension von Kleidung verkennen. Dann ginge es tatsächlich nur darum, dass Frauen in diesen Kleidungsstücken gefallen wollen und sollen.

          Wir schlagen also einen Kompromiss vor: Wir schwören, hoch und heilig, von nun an noch mehr über die Outfits von männlichen Politikern zu schreiben – und wünschen uns im Gegenzug, dass unser Heiligstes geschätzt, wenigstens ernst genommen wird: die hohe Kunst der Mode.

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