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Modedesigner Yorn : Ganz leicht ins Glück

Schon mit eigenem Couture-Haus: Yorn im Jahr 1963 bei der Arbeit Bild: mauritius images / United Archiv

Bei Christian Dior lernte Yorn alles, was er später in seiner langen Karriere als Modemacher brauchte. Dior verdankte Jürgen Michaelsen auch seinen Künstlernamen – und blieb dabei immer bei sich.

          2 Min.

          Das ist mal ein Auftritt. Jürgen Michaelsen, genannt Yorn, kommt in die Lobby des Hotels Plaza Athénée, und man erkennt ihn sofort. Dunkelblauer Anzug, stilechtes Einstecktuch, volle Präsenz, sonore Stimme: Das muss er sein. „Ah, Monsieur“, ruft schon die Bedienung in der Bar. „Bonjour! Comment allez-vous?“ Ihm geht's gut. So wortreich umwirbt er nun die junge Frau, dass sie nur noch lachen kann vor Freude. „Ich stehe so in Ihrer Schuld“, ruft er ihr zu. Denn mit den Stiften des Hotels, die sie ihm immer zusteckt, hat er sein Buch geschrieben.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Man kennt ihn hier, seit 65 Jahren. Mit 19 Jahren kam der junge Mann aus Bremen nach Paris. Und weil er ein Gespür für Mode hatte, auch wenn sich das in einem der ersten Kapitel seines Buchs anders liest (siehe den Vorabdruck links), weil er selbstbewusst seine Zeichnungen einreichte, nahm ihn der wichtigste Modeschöpfer als Assistent auf: Seit 1956 arbeitete er ein Jahr lang bei Christian Dior, der den Franzosen nach dem Krieg mit seiner so aufwendigen wie schönen Mode den Glauben an den Luxus zurückgab.

          Christian Dior lehrte ihn alles

          Auch Monsieur kam immer ins Plaza Athénée. Die Dior-Zentrale liegt an der Avenue Montaigne gegenüber. So konnten die Männer der Kundinnen, die zu Schauen und Anproben ins Modehaus gingen, in der Bar auf ihre Frauen warten. Und wenn die Frauen danach zu ihnen stießen, trugen sie womöglich schon die taillierte Bar-Jacke, die nach eben dieser Bar benannt ist – und zu einem Klassiker wurde, den noch die aktuelle Dior-Designerin Maria Grazia Chiuri in vielen Varianten neu erfindet.

          „Er war fabelhaft“, erinnert sich Jürgen Michaelsen. „Mir treten fast jedes Mal die Tränen in die Augen, wenn ich an Dior denke. Ich habe an ihm gehangen. Er war wohlwollend, er war großzügig, er war sensibel.“ Und er hatte ein ästhetisches Gespür, in das der Name Jürgen Michaelsen phonetisch nicht so recht passte. Also benannte er den Zwanzigjährigen gleich mal in Yorn um, was französisch klingt und zugleich nordisch, wegen seiner Herkunft aus Norddeutschland.

          Brachte das Pariser Schick zu Karstadt: Jürgen Michaelsen alias Yorn

          Bei Christian Dior lernte Yorn alles, was er später in seiner langen Karriere als Modemacher brauchte. Auch er baute eine Couture-Marke unter eigenem Namen auf und verkaufte seine Mode in großen Kaufhäusern, unter anderem jahrzehntelang bei Karstadt. Alle anderen Dior-Assistenten sollten nach dem frühen Tod des Meisters im Jahr 1957 ebenfalls Karriere machen: Pierre Cardin, Jean-Louis Scherrer, André Levasseur und natürlich Yves Saint Laurent, der ihm nachfolgte und seit 1961 sein eigenes Modehaus aufbaute.

          Stets zurück auf dem Boden

          Yorn und Yves verstanden sich gut, auch wenn sich der Franzose in seiner oft hämischen Art über den Akzent des Deutschen lustig machte. Yorn ließ sich sein Selbstbewusstsein nicht nehmen: „Wetten, dass ich in zwei Monaten an einem Pariser Theater eine Rolle auf Französisch spiele?“ Monsieur Dior lächelte, Yves schlug ein. Warum Yves dem Neuen am Ende schmallippig den Wetteinsatz spendieren musste, eine Flasche Champagner, das sollte man in diesem Buch nachlesen, das man eigentlich nur mit Yorn-Vokabular beschreiben kann: als charmant und zauberhaft.

          „Das Schlimmste, was Künstlern passieren kann, ist die Selbstverherrlichung“, sagt er, ohne den Namen Yves Saint Laurent noch einmal zu nennen. „Man hat dann nur einen Hof von Schleimern um sich herum, die dauernd sagen: ,Du bist der Beste.' Man ist dann nicht mehr in der Realität, man schirmt sich ab und wird einsam. Dior, Givenchy, Madame Grès: Sie waren alle nicht glücklich.“

          Auch er musste aufpassen, denn schon mit Anfang 20 war er auf Titelseiten. Mitarbeiterinnen und Freunde, sagt er, hätten ihn immer wieder auf den Boden geholt. Und er hält die Verbindung zu seiner Vergangenheit, also zu Bremen, wohin er noch oft fährt, wenn ihn nicht Corona in seiner Wohnung in Paris hält, und zu den Menschen, die er in Paris schon seit mehr als 60 Jahren kennt – wie Victoire Doutreleau, dem liebsten Mannequin Diors.

          Bei seinem Buch half ihm noch ein alter Freund: Sempé illustrierte die Erzählungen aus seinem Leben so federleicht, wie Yorn sie geschrieben hat. „Ein Geschenk des Himmels“, ruft Yorn. Dabei lernte er den legendären Zeichner auf denkbar simple Art kennen. In der Haute Provence, in den Bergen hinter Monaco, sind die beiden Nachbarn.

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