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Prêt-à-parler : Martin Margiela versteckt sich weiter und lässt Puppen für sich sprechen

  • -Aktualisiert am

Verrückte Perücken: Die Ausstellung im Palais Galliera in Paris zeigt, dass der Modemacher Martin Margiela seinen revolutionären Reiz immer auch daraus bezogen hat, dass er keine Mode macht. Bild: EPA

Modedesigner Martin Margiela bleibt weiterhin einfach unsichtbar und schweigt. Dafür lässt er einfach seine Arbeiten auf Ausstellungen für sich sprechen.

          Trotz seiner Ausstellung im Palais Galliera bleibt Martin Margiela unsichtbar. Per Mail lässt er wissen, dass er weiter schweigt. Alexandre Samson, Kurator des Pariser Modemuseums, könne alles erläutern. Zwei Monate zuvor, bei einem zufälligen Treffen in Brüssel, bin ich einem umwerfend charmanten Mann begegnet, der gut aussieht, viel jünger als 60 Jahre (inzwischen ist er 61 Jahre alt). Martin Margiela, der Jeans, einen beigefarbenen Rollkragenpullover und Boots trägt, ist so lebhaft wie gelassen, so neugierig wie entspannt. Diese wichtige Ausstellung, die ihn zurück bringt ins Herz der Mode, freut ihn sehr. Viel mehr bekommt man aus dem großen Unbekannten der Mode aber nicht heraus.

          Martin Margiela behält ein einmal funktionierendes Konzept einfach bei. Bis zuletzt ließ er seine Arbeiten für sich sprechen. In der Ausstellung begegnet man ihm also gewissermaßen persönlich. Seine Präsenz ist allgegenwärtig, auch und gerade in der Abwesenheit. Der Preis, den er bezahlen muss, um sich seine Freiheit in der Anonymität zu erhalten, um sein eigenes Werk auf seine eigene Art zu interpretieren, ist nicht allzu hoch.

          Man sieht das auch an der anderen Ausstellung zu seinem Werk, „Margiela, les années Hermès“, die gerade im Musée des Arts décoratifs stattfindet, keine zwei Kilometer Luftlinie entfernt. Kaat Debo, die Direktorin des Modemuseums in Antwerpen, wo die Ausstellung zuerst gezeigt wurde, erzählt, wie minutiös Margiela selbst auch daran mitgearbeitet habe: „Jedes einzelne Wort hat er immer wieder korrigiert, verworfen und kontrolliert, in einer unermüdlichen Akribie.“

          Vielleicht ist das seine Reaktion auf den Dokumentarfilm „We Margiela“ der Niederländerin Menna Laura Meijer, der von vielen als unglücklich, wenn nicht missglückt aufgefasst wird. Man konnte darin den Eindruck bekommen, Margiela selbst habe sich zwar im Haus aufgehalten, sei aber mehr damit beschäftigt gewesen, nicht in Erscheinung zu treten, als mit der Mode, die von den Mitarbeitern allein entworfen worden sei.

          Er wählte alle Stücke selbst aus

          Diese Auffassung zu korrigieren und zugleich an seinem Nachruhm zu arbeiten sind somit zwei wichtige Motive für die Arbeit im Palais Galliera. Das verleiht der Ausstellung eine besondere Bedeutung. Erst in den frühen Morgenstunden des Eröffnungstages hat er sich aus dem Museum gestohlen - nachdem er den weißen Teppich, der zu den Stufen des Palais hinaufführt und an seine erste Modenschau erinnert, selbst ausgerollt hat.

          Manche der ausgestellten Stücke hat man noch nie außerhalb seiner Modenschauen gesehen. Man kann es als Glücksfall bezeichnen, dass das Palais Galliera schon 1990 angefangen hat, Margiela zu sammeln. Seine erste Museums-Ausstellung fand 1991 sogar hier statt als eine Gruppenshow zusammen mit Jean-Paul Gaultier und Vivienne Westwood.

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          Nun also ist erstmals systematisch Rückschau angesagt. Das muss ein seltsames Gefühl für einen Designer sein, der durch das System gezwungen ist, dauernd nach vorne zu schauen. Mehr als die Hälfte der Teile stammen aus der Sammlung Galliera. Für weitere Stücke musste das Museums-Team bei Maison Margiela anfragen. Die Marke gehört seit 2002 (und seit 2005 zu 100 Prozent) zur Holding „Only The Brave“ des Diesel-Gründers Renzo Rosso. Martin Margiela verließ 2009 sein eigenes Haus, ohne ein eigenes Teil mitzunehmen.

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