https://www.faz.net/-hrx-9jltr

Clankarte für Berlin : „Ich hoffe, dass jetzt nicht auf meine Wohnung geschossen wird“

So sieht die Karte aus – unten drunter gibt es dann noch eine Legende mit Adressen und Namen, die wir hier nicht zeigen. Bild: Dandy Diary

Zwei Modeblogger haben eine Stadtkarte für die Berliner Parallelwelt geschaffen: Touristen wird zum Beispiel der Weg zur Villa eines Clanchefs gewiesen – und zum Café von Arafat Abou-Chaker. Was soll das? Ein Interview.

          3 Min.

          Herr Roth, Sie haben eine Berlinkarte produziert, die Touristen die Welt der Clans näher bringen soll. Damit findet man zum Beispiel die Lieblings-Shisha-Lounge von Clanchef Arafat Abou-Chaker, das Café von Bushidos neuem Beschützer Ashraf R. und die Grabstätte von Nidal R., der auf der Straße erschossen wurde. Welche Adresse war am schwierigsten herauszufinden?

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Die der Villa von Issa R., das ist der große Clanboss der Familie R. Wir haben uns Bilder des Hauses angeschaut, die in der Presse veröffentlicht wurden und dann über Google Maps gesucht. Es gibt ja unglaublich viele Artikel zum Thema Clankriminalität, so haben wir die meisten Orte gefunden. Der Klassiker sind die Shisha-Bars, in denen sich die Clans treffen. Wir haben aber auch die Moschee eines Imams aufgenommen, der als Friedensstifter zwischen den Familien vermittelt. Im Café „PapaAri“ von Arafat Abou-Chaker saß ich vorher schon mal. Er war nicht da, aber es ist schon ein komisches Gefühl, wenn man die Geschichte dazu kennt. Im letzten Sommer wurde darauf ja geschossen. Das ist schon etwas Besonderes.

          Sie wollen sich wahrscheinlich über die Mystifizierung dieser Figuren lustig machen – aber tragen Sie nicht eher dazu bei?

          In Berlin wird mittlerweile tagesaktuell über die Clans berichtet. Da werden Antihelden geschaffen, an denen man sich abarbeitet. Wir wollen das Gegenteil machen: Diese Clanchefs in einem positiven, knalligen Gewand auf einer poppigen Karte zeigen. Wir greifen nur das auf, was sowieso schon passiert: In Serien wie „4 Blocks“ werden Kriminelle glorifiziert, wir machen das radikaler.

          Der Bezirksbürgermeister von Neukölln hat die Karte „geschmacklos und unangemessen“ genannt, weil viele Menschen von Clan-Kriminalität und den schrecklichen Folgen betroffen seien. Hat er da nicht recht? 

          Ich finde es immer gut, wenn bei solchen Aktionen eine höhere Instanz schockiert ist und das ablehnt. Dann hat man schon etwas erreicht. Meine Moral geht nicht so weit, zu sagen, dass ich mir zum Beispiel das Haus von Pablo Escobar nicht anschaue, weil so viele Opfer unter ihm gelitten haben. Und ich glaube nicht, dass man als Opfer der Clankriminalität unter einer poppigen Karte leidet. Man leidet, weil man Opfer von Kriminellen wird. Das zu verhindern wäre Aufgabe der Politik.

          Das „Dandy Diary“-Team: David Karl Roth (links) und Carl Jakob Haupt.

          Was reizt Sie als Modeblogger an dem Thema?

          Es ist einfach ein populäres Thema: „4 Blocks“ war ein Riesenerfolg, und die Vorlage dafür soll die Familie R. gewesen sein. Es gibt viele Parallelen: Die Serienfigur Toni Hamady will ins Immobiliengeschäft einsteigen, von der Familie R. wurden vergangenes Jahr 77 Immobilien beschlagnahmt, weil sie mit illegal erwirtschaftetem Geld gekauft worden sein sollen. Auch Hip-Hop hat das Thema populär gemacht. Bushdio und Arafat Abou-Chaker profitierten ja jahrelang voneinander, bis sie sich dann zerstritten haben. Der Bad Boy Bushido hat sein Image durch den Abou-Chaker-Clan erst bekommen und Arafat Abou-Chaker wurde selbst zum Popstar, der über rote Teppiche läuft. Es gibt keine Kultur, die in den letzten zehn Jahren mehr Einfluss auf die Gesellschaft hatte als Hip-Hop. Da ist auch kein Ende in Sicht. Und wenn die gerade bei Jugendlichen beliebteste Musikkultur mit der Clankriminalität verschmilzt, wird auch diese Szene zum Pop.

          Weitere Themen

          Von Katie Holmes bis Wolfgang Joop Video-Seite öffnen

          Beriner Fashion Week : Von Katie Holmes bis Wolfgang Joop

          Auf der Fashion Week in Berlin lassen die Modedesigner ihre neusten Kollektionen auf dem Laufsteg präsentieren. Die Bandbreite der Stile ist groß, von Katie Holmes bis Wolfang Joop findet hier jeder seinen Geschmack.

          Pedro Sánchez stellt sein Kabinett vor

          Neue Regierung in Spanien : Pedro Sánchez stellt sein Kabinett vor

          Der wiedergewählte Ministerpräsident Pedro Sánchez tut alles, um dem Koalitionspartner in der neuen Regierung in Madrid die Show zu stehlen. Kritiker spotten, dass er an seiner Seite gleich drei starke Frauen aufbietet, um Pablo Iglesias in Schach zu halten.

          Topmeldungen

          Das gibt nur Ärger: Doppelspitze auf dem Hühnerhof

          Fraktur : Zwei sind einer zu viel

          Fundamental alternative Fakten: Anmerkungen zu den Kompetenzdefiziten der Woche.
          Neu errichtete Mehrfamilienhäuser im Europaviertel in Frankfurt: In den meisten Teilen Deutschlands ist das Wohnen zur Miete erschwinglicher geworden.

          Wohnungsmarkt : Mieten wird erschwinglicher

          Die steigenden Mieten belasten viele Deutsche. Dabei sind sie in den meisten Teilen der Bundesrepublik erschwinglicher geworden. Wer profitiert – und wer das Nachsehen hat.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.