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Zum Tod von Isabella Blow : Vor den Menschen auf der Hut

Wie üblich mit unkonventioneller Kopfbedeckung: Isabella Blow Bild: AP

Isabella Blow, anregend und chaotisch, vielseitig und durcheinander, genial und verworren, war die Mode selbst. Die britische Mode-Muse und Hut-Trägerin ist im Alter von nur 48 Jahren nach schwerer Krankheit gestorben.

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          Sie war keine Modejournalistin. Isabella Blow, die am Sonntag im Alter von nur 48 Jahren an Krebs gestorben ist, ging vollkommen auf in ihrer Exzentrik, in der sich auf den Britischen Inseln Avantgarde und Tradition gute Nacht sagen. Sie war Muse, Stylistin, Mäzenatin, Journalistin in einem und ließ sich auf keine Rolle festlegen: Isabella Blow, anregend und chaotisch, vielseitig und durcheinander, genial und verworren, war die Mode selbst. Und deshalb hatte sie auch nichts zu tun mit der üblichen Distanzlosigkeit der britischen Modepresse zur Mode. Von wem hätte sie sich distanzieren sollen? Von sich selbst?

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Bei den Modenschauen stach sie in der ersten Reihe heraus - und raubte mit ihrem Kopfschmuck der zweiten Reihe den Atem und den Blick. Außer Anna Piaggi von der italienischen „Vogue“ hatte wohl keine Frau auf der Welt einen solchen Hutgeschmack und eine so große Sammlung. Das verdankte sich der Zusammenarbeit mit dem Jungen aus der irischen Provinz, der ihr auf den Fluren des Magazins „Tatler“, wo sie als Moderedakteurin arbeitete, vor bald zwanzig Jahren, im Jahr 1989, begegnete: Philip Treacy, Student am Royal College of Art, brachte einen grünen Krokodil-Hut zum „Tatler“.

          Es nervte sie, dass jeder Treacy Hüte haben will

          Isabella Blow war so begeistert, dass sie Treacy von nun an förderte - und forderte. Sie ließ sich für ihre Hochzeit ein elisabethanisches Spitzenhäubchen fertigen, richtete ihm im Erdgeschoss ihres Hauses in Belgravia ein Geschäft ein, reichte ihn durch die Modeszene und machte ihn zum bekanntesten Hutmacher der Welt. „Wir beide liebten den gleichen Hut - und niemand anderes mochte ihn“, sagte Treacy vor kurzem im Gespräch über die erste Begegnung. „Und heute nervt es sie gewaltig, dass jeder meine Hüte haben will.“

          „When Philip met Isabella”: Treacy und Blow auf der Igedo
          „When Philip met Isabella”: Treacy und Blow auf der Igedo : Bild: dpa

          Für ihre Massenwirksamkeit brachte sie immerhin noch Humor auf: „Mein Kopf ist sehr begehrt - ich fühle mich schon wie Marie Antoinette.“ Zuletzt konnte man ihre Wirkung im Februar in Düsseldorf erahnen, wo sie die Ausstellung „When Philip Met Isabella“ eröffnete, in der etwa 30 Hüte aus ihrer Sammlung zu sehen waren. Bis zuletzt arbeiteten Philip Treacy und seine „Issie“ daran, die Ausstellung für die Eremitage in St. Petersburg vorzubereiten.

          Sie war so

          Sie pflegte nicht ihr Image - sie war so. Und das hatte wohl auch familiäre Gründe. Ihre Großmutter hielt jahrzehntelang den europäischen Rekord für den größten gefangenen Thunfisch. Ihr Großvater Sir Henry Jock Delves Broughton verkaufte das Familiengut in Cheshire, um Spielschulden zu begleichen, war wegen des Mordes am 22. Earl of Erroll in Kenia angeklagt, wurde mangels Beweisen freigesprochen und beging Selbstmord. Ihr Vater, Sir Evelyn Delves Broughton, hinterließ ihr statt des Sechs-Millionen-Pfund-Familienvermögens gerade einmal 5000 Pfund. Isabella begann als Putzfrau und verdiente später als Beraterin für Firmen wie DuPont oder Swarovski ihr Geld.

          Exzentrisch will in Zeiten von Kate-Moss-Topshop-Kollektionen jeder wirken. Auch deswegen litt Isabella Blow unter den Zumutungen der Mode. Dabei zeigte ihre Entdeckung Alexander McQueens, dass die durchaus divenhaft und launisch auftretende Muse auch die lauten Charaktere zu ertragen wusste. Blow, die in London geboren wurde und für die britische und die amerikanische „Vogue“, den „Tatler“ und die „Sunday Times“ arbeitete, regte viele britische Desiger von Jasper Conran bis Julien Macdonald an, machte auch die Models Stella Tennant und Sophia Dahl zu Stars - und fühlte sich am Ende doch verlassen von der Modewelt.

          Mit Kopfputz konnte man sie nicht küssen

          Die Frau, die so furchtlos ihren Kopf zur Schau getragen und ihr nicht mit natürlicher Schönheit gesegnetes Gesicht mit Segelschiffen und Tiefseefischen, mit Vögeln und Büschen bald krönte, bald verdeckte - sie hatte Angst. Aber sie kannte ein Modemittel, sich vor den Menschen zu hüten: Wenn sie ihren Kopfputz trug, also fast immer, konnte man ihr nicht allzu nahe kommen - und sie schon gar nicht küssen.

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