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Zeitgeschehen : Über die Liaison von Kunst und Mode

Hand in Hand: Diane von Fürstenberg in ihrem New Yorker Studio vor dem Diane-von-Fürstenberg-Porträt von Andy Warhol aus dem Jahr 1974 Bild: Helmut Fricke

Warhol, von Fürstenberg, Koons, Slimane, Teller. Designer und Künstler arbeiten einträchtig zusammen. Gegenseitig versichern sie sich ihre Bedeutung.

          Die Liaison von Mode und Kunst ist wahrhaftig keine Erfindung der Gegenwart, sondern sie ist schon sehr alt. Und sie beginnt auch nicht erst mit den detailverliebten Darstellungen von Kleidung und Accessoires auf den Gemälden im Spätmittelalter. Doch man muss nur einmal Jan van Eycks „Arnolfini-Hochzeit“ aus dem Jahr 1434 in der Londoner National Gallery betrachten: Natürlich haben sämtliche Attribute dort symbolischen Charakter, aber zugleich beschreibt der flämische Meister mit höchster Sorgfalt die Garderobe des vornehmen Paars, das (bis heute) salonfähige Hündchen, die eleganten Pantinen links im Vordergrund. Wer reich war, konnte sich eben schon damals beides leisten – die modische Ausstaffierung und den Auftrag an einen Künstlerstar. So kam die Mode mit der Kunst auf Samtpfoten ins Museum.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Es dauerte freilich noch geraume Zeit, bis die Mode auch Gegenstand des Museums werden sollte; hier kommt die Fotografie ins Spiel. Was anfangs Modefotos hieß, vor allem nach 1945, gilt längst als fotografische Kunst. Dafür stehen, nur zum Beispiel, die phänomenalen Aufnahmen eines F. C. Gundlach, die zunächst in Hochglanz-Modemagazinen erschienen. Seit 2003 ist Gundlach, selbst Galerist, Sammler und Stifter, Gründungsdirektor des „Hauses der Fotografie“ in den Hamburger Deichtorhallen. Auf andere Art ebnete diesen Weg für die Mode Diana Vreeland (1903 bis 1989), die erst als Chefin der Zeitschrift „Harper’s Bazaar“, dann der amerikanischen „Vogue“ in den Sechzigern den konservativen Laden aufmischte. Von 1972 an war sie Beraterin des „Costume Institute“ im Metropolitan Museum, das sie für die Modebranche nachhaltig öffnete. Was Wunder, dass die Society-Königin Andy Warhol zu ihren Bekannten zählte.

          Warhol, dieser begnadete Oberflächen-Anbeter, ist uneingeholter Fixstern im Zirkus von Kunst und Mode. Wer erfolgreich Mode macht, muss, im Gegenzug, unbedingt ein Werk von ihm (oder jedenfalls einem seiner mehr oder weniger begnadeten Schüler unter den lebenden Zeitgenossen) besitzen – wie, wieder zum Beispiel, die Wickelkleid-Erfinderin Diane von Fürstenberg oder Tom Ford. Der Design-Superstar überspannt, bloß unter anderem, Daniel Craigs Muskeln mit seinen perfekten Anzügen für die James-Bond-Filme, die – ihrerseits mittlerweile gern als Kunst definiert – Mode schöpfen. Und als er 2010 ein spätes Warhol-Selbstporträt auf den Kunstmarkt gab, erzielte dieser Traum in Lila mit gesträubten Haaren gleich einen neuen Rekordzuschlag von 29 Millionen Dollar. Wenig wahrscheinlich ist, dass Tom Ford akut Geld brauchte. Plausibler ist, dass er ein Stück vom Tafelsilber seiner Kunst-Bestände vorzeigte, als der Markt gerade heiß genug lief.

          Marc Jacobs, ein anderer Heros der Modebranche und ebenfalls passionierter Kunstsammler, geht, für die Öffentlichkeit jedenfalls, anders vor: Der New Yorker Modemacher lässt seine unorthodoxen Kampagnen gern vom grandiosen Jürgen Teller fotografieren, der aus dem mittelfränkischen Bubenreuth zum globalen Liebling genialisch-widerborstiger Fotokunst aufgestiegen ist. Teller wiederum verdankt seinen Ruhm nicht zuletzt der Zusammenarbeit mit der großartigen Schauspielerin Charlotte Rampling, die so übrigens nicht wenig dazu beigetragen hat, einem banal-gleichgeschalteten Frauenbild die Stirn zu bieten.

          Befreiungsschlag – vielleicht, aber Kunst?

          Ob freilich umgekehrt das Händchen jener Modemacher, die sich als Künstler berufen fühlen, so glücklich ist, muss in Frage stehen. Wieder ein paar Beispiele: Helmut Lang, dessen extrem schmal geschnittenen Silhouetten sich in den neunziger Jahren weder Männlein noch Weiblein entziehen wollten, hat das nach seinem Ausstieg aus der Fashion-Maschinerie versucht. Ehrlich gesagt, mit eher minderer Fortune. Seine skulpturalen Untersuchungen können vorerst bestenfalls als eine Art Befreiungsschlag durchgehen. Sein Kollege Hedi Slimane – auch er ein Schlank-Schneider in der Nachfolge Giorgio Armanis und nun Designchef bei Yves Saint Laurent – versucht sich als Fotograf. Ob seine Aufnahmen aus der Musikwelt des Indie-Rock von bleibendem Eindruck sind, sei dahingestellt. Dass indessen Designer sehr begabte Zeichner sein können (was man ja vermuten darf), beweist der unverwüstlich konsequente Karl Lagerfeld, ohne falsche Ambitionen: Seine hingeworfenen Skizzen haben den spottlustigen Charme eines Könners, der nichts anderes sein will als das, was er, hochfahrend genug, ist.

          Bleibt noch ein Blick auf die allfällig gewordenen Kooperationen zwischen Mode- und Kunstwelt, zu gegenseitiger Bedeutungssteigerung. Man muss sich ja nur auf Youtube anschauen, wie die Taschen verkauft werden sollten, die Takashi Murakami für Louis Vuitton entworfen hat: mit einer Art Manga zur unverblümten Bedarfsweckung. Dieses Begehren muss aber so flüchtig sein, dass die nächsten Taschen des nächsten Künstlers genauso gut gehen. Hinter dem Label steht übrigens Marc Jacobs, als Artistic Director. Für Dior strickte zuletzt Anselm Reyle die Künstler-schmückt-Taschen-Masche weiter. Ohnehin sind die Marken Louis Vuitton und Dior unter dem Dach des Luxusgüterkonzerns LVMH vereinigt. Gemessen an den Versippungen der Modebranche erscheint der internationale Kunstmarkt als ein entflochtenes Gewerbe. Und es war nur eine Frage der Zeit: Dernier cri in Sachen Taschen sind die gepunkteten Krokodilleder-Rucksäcke, die Damien Hirst gerade für The Row, die Firma der Olsen-Zwillinge, entworfen hat.

          Die guten alten Art Cars von BMW sind dagegen schon beinahe Veteranen. Aber dafür sind manche von ihnen sehr schön, zum Beispiel der von Jeff Koons. Das aktuelle Auto hat Jenny Holzer gestaltet; auf ihm steht in Großbuchstaben „Protect me from what I want“. Der unbedingt wahre Satz stand im Sommer vor drei Jahren auch schon auf Turnschuhen der Marke Keds. Macht aber nichts.

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