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Yves Saint Laurent ist tot : Der Modeschöpfer des Jahrhunderts

Abschied von Yves Saint Laurent Bild: AFP

Yves Saint Laurent erfand in den Sechzigern die moderne Mode. Oft als Provokateur missverstanden, hat er den Geschmack beeinflusst - bis in die jüngste Designergeneration.

          7 Min.

          Es war das schönste und schaurigste Ritual der Haute-Couture-Schauen. Der letzte Tag begann mit der Yves-Saint-Laurent-Schau im Ballsaal des Hotel Intercontinental. Das Stück dauerte lange, sehr lange. Und jeder hatte seine Rolle in diesem Drama: Catherine Deneuve gab die immerwährende Muse, Pierre Bergé den immerwährenden Geschäftspartner, Janie Samet vom „Figaro“ die würdevolle Entdeckerin, und für die Rüpelszenen fehlte es nicht an Komparsen. In der zweiten Reihe saß unerkannt eine gebeugte Frau, die keine Rolle spielte, sondern sie einfach nur innehatte: Lucienne-Andrée Saint Laurent, damals fast neunzig, sah nicht ohne Stolz, wie sie alle dem Hauptdarsteller huldigten, ihrem schwachen, kränklichen, zerbrechlichen Sohn.

          Alfons Kaiser
          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Wie Yves Saint Laurent am Ende dastand, all den Claqueuren ausgeliefert, von Fotografen bedrängt und backstage fast umgeworfen: Man hätte heulen können. Tom Ford tupfte sich bei dem letzten dieser Schauerspiele mit einem blütenweißen Taschentuch die Stirn ab. Ja, der Mann, der ihm eines Tages nachfolgen sollte, weil der Gucci-Konzern inzwischen Yves Saint Laurent in Besitz genommen hatte, füllte in der ersten Reihe seine Rolle als cooler Vatermörder gut aus, geriet aber nach 80 Modellen, als sich drückende Hitze über die Zuschauer auf ihren Goldstühlchen legte, ins Schwitzen. Vielleicht befahl er deshalb später seinen Designern, die Röcke kürzer und die Ausschnitte tiefer anzusetzen. Der Klimawandel sollte die Marke im ersten Jahrfünft des neuen Jahrtausends in eine Krise führen, aus der sie erst und ausgerechnet in diesem Jahr findet, unter Yves Saint Laurents Nachnachnachfolger Stefano Pilati.

          Er befriedigte das Klatschbedürfnis

          Das Publikum war damals begeistert. Darin schwang natürlich der Respekt für die Lebensleistung mit, die Hochachtung gegenüber den inzwischen freilich leicht angestaubten Entwürfen - und vor allem das Interesse an der Person. Denn YSL, fashion victim avant la lettre, ließ sich in einer eigenartigen Symbiose mit seinen Verfolgern zum unglücklichen Genie stilisieren - und befriedigte dadurch das Klatschbedürfnis einer nur in Äußerlichkeiten lebenden Branche. Am Ende also wurde Monsieur von der Braut nach vorne geleitet. Tapsig, zögernd, abwartend, unsicher, küsste er die Braut, küsste sie nochmal und sonnte sich im Licht der Kameras. Da war Saint Laurent schon über sechzig. Am 7. Januar 2002 gab er seinen Abschied von der Mode bekannt, und jeder, dem das Leben dieses größten Modemachers der zweiten Jahrhunderthälfte lieb war, musste sagen: endlich. Endlich hatte er die Kleider abgestreift, die ihm mit den Jahren viel zu eng geworden waren.

          Abschied von Yves Saint Laurent Bilderstrecke
          Yves Saint Laurent ist tot : Der Modeschöpfer des Jahrhunderts

          Eigentlich war Yves Henri Donat Mathieu-Saint-Laurent, der am 1. August 1936 im algerischen Oran als Sohn wohlhabender französischer Eltern geboren wurde, sich später einiger Buchstaben entblößte und Yves Saint Laurent nannte, schließlich nur noch chiffrenhaft-marktgängig YSL, kein Mann des großspurigen Auftritts. Als junger Mann konnte er sich mit Charme und Weltabgewandtheit als Genie inszenieren. Sein nackter Auftritt in der Parfumwerbung versuchte die Öffentlichkeit gegen sich, und das heißt in der Mode auch: für sich einzunehmen. Da spielte er einmal mit den Menschen, die ihm oft so grausam mitgespielt hatten, und mit seiner Rolle, deren Ansprüche er im Adamskostüm unterlief.

          Viele Moderedakteurinnen weinten

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