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Yves Saint Laurent ist tot : Der Modeschöpfer des Jahrhunderts

In den sechziger Jahren also - bei Dior regierte, heute vergessen, Marc Bohan - gründete er mit Pierre Bergé seine eigene Linie. Die Hängerkleider mit großflächigen Mondrian-Dessins aus dem Jahr 1965, der Smoking für die Frau aus dem Januar 1966, die Andy-Warhol-Kollektion vom Sommer 1966, das Transparentkleid mit der nur mit einer Straußenfeder besetzten Seidenchiffonbluse und die Anspielungen auf die protestierenden Studenten mit Dufflecoats und Fransenjacken im Sommer 1968 - das sind frühe Klassiker, die uns in dieser Saison, da H&M die Trapezform wieder entdeckt, so frisch vorkommen. Bevor die Studenten auf die Barrikaden gingen, standen sie in seiner Boutique. Als die Kommunistin Miuccia Prada zum Sit-in ging, trug sie YSL. Er war der stille Revolutionär, als andere schrieen, er brach die Mode auf, als andere noch die große Oper aufführten. Die Bohemien-Kultur des linken Seine-Ufers galt als unschicklich. Er benannte seine Prêt-à-porter-Linie danach: rive gauche.

Vorliebe für androgyne Formen

Seine Vorliebe für androgyne Formen wirkte bahnbrechend in einer Zeit, als die Frauen danach strebten, auch endlich so zu sein wie Männer. „Der Hosenanzug“, schrieb Gabriele Strehle zum 70. Geburtstag Saint Laurents vor zwei Jahren in dieser Zeitung, „war für mich das Kleidungsstück, das den Anspruch auf Selbstbestimmung der Frauen symbolisierte.“ So stark hätte es YSL wohl nicht geäußert. Er war so zurückhaltend, dass man sich ihm flüsternd näherte, fragte eher selbst, als dass er etwas behauptet hätte, versteckte sich hinter seinen Musen, verzog sich mit den Jahren immer mehr in das stellvertretende Leben, das man Kunst nennt. Christian Lacroix vielleicht ausgenommen, hatten alle, die nach ihm unter dem brutalen Diktat von Pre-, Cruise- und Hauptkollektionen stehen, ein instrumentelles Verhältnis zur Kunst. YSL dagegen hängte sich die Kunst nicht als Accessoire an, sie war die Mode - siehe das Mondrian-Kleid! Deshalb diente auch seine Zusammenarbeit mit Andy Warhol oder Rudolf Nurejew dem Leben in einer zweiten Dimension. Mit dem Spekulantentum, das sogar Marc Jacobs dazu nötigt, sich vor seinen Neuerwerbungen ablichten zu lassen, hatte das alles nichts zu tun.

YSL meinte es ernst. Seit den fünfziger Jahren arbeitete er auch für Film, Theater, Oper. Sei es Catherine Deneuves schwarzer Lackmantel in Buñuels „Belle de Jour“ (1965), seien es die Entwürfe für Marguerite Duras' „Ganze Tage in den Bäumen“ (1965), seien es Bühnenbild und Kostüme für Ballett-Choreographien Roland Petits (zwischen 1962 und 1965) oder für Jean Cocteaus „Cher Menteur“ (1980): Überall suchte er eine Form, nach der verlorenen Zeit zu suchen, die nicht durch das Tagesgeschäft korrumpiert war. Er verfiel auch nicht der schlichten Übertragung künstlerischer Entwürfe auf die Mode: Op-Art-Modelle, Safari-Stil, Ballet-Russes-Kostüme (1976), Carmen (1976): Er suchte sich Vorbildern anzugleichen, ohne es ihnen gleichzutun.

Er muss größenwahnsinning sein

So wurde er zum Klassiker. Aber was für ein kleines Wort für einen solchen Modeschöpfer, der ein halbes Jahrhundert überspannte, der noch in den Entwürfen der hippiehaften Siebziger, der powerfrauenhaften Achtziger auf der Höhe der Zeit blieb und erst zur Jahrtausendwende den Anschluss verlor! Heute nennt man schon Giorgio Armani einen Klassiker, weil er die Versteifungen aus dem Herrenanzug nahm, oder Gianni Versace, weil er den Sex in die Mode brachte, oder Karl Lagerfeld, weil er virtuos Mademoiselle Chanel am Leben hält. Christian Lacroix sagte einmal, Saint Laurent verbinde „die Form von Chanel, die Opulenz von Dior und den Witz von Schiaparelli“. Er ging aber über all das hinaus. Christian Dior wirkte recht kurz (und ist heute nur noch mit dem New Look verbunden), Coco Chanel recht eindimensional (was es so einfach macht, ihr nachzufolgen), Elsa Schiaparelli recht überspannt (weshalb sie kaum noch jemand kennt). Und wer begann schon als Schüler Christian Diors und endete als Lehrmeister von Bruno Pieters? Wer hat schon den Smoking für die Frau erfunden und mit dem „nude look“ provoziert? Man beachte die Verhohnepiepelung von Diors New Look schon in dem Wort! Wer hat schon Farben so eigenwillig kombiniert, dass man zuerst weg- und hinterher nur noch hinschauen wollte? Man muss sich nur die Schaufenster des Frühjahrs ansehen, um den überragenden Einfluss von YSL auf die Entwicklung des Geschmacks zu erkennen. Für Jil Sander stellt Raf Simons das leuchtende Pink und das neonstarke Orange unverblümt zusammen: Er muss größenwahnsinning sein, sich in eine solche Tradition zu stellen. Und man muss Yves Saint Laurent heißen, um noch nach dem Tod mit Entwürfen zu beglücken, die letztlich von niemand anderem stammen als von ihm, dem kleinen Jungen aus Oran.

Lesen Sie die Würdigung Yves Saint Laurents von Gabriele Strehle aus Anlass des siebzigsten Geburtstags des Modemachers: Yves Sain Laurent: Mein Mode-Magier

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