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Yves Saint Laurent ist tot : Der Modeschöpfer des Jahrhunderts

In den offiziellen Daten wird man der Demütigungen kaum gewahr. Als junger Mann ging er nach Paris, gewann 1953 mit einigen Zeichnungen einen Preis des Internationalen Woll-Sekretariats, besuchte nach dem Abitur 1954 die Schule der Chambre syndicale de la Couture. Schon ein Jahr später kam er zu Christian Dior, der die Frauen mit seinen verschwenderischen Phantasien nach dem Krieg wieder zu träumen gelehrt hatte. Als Dior starb, wurde Saint Laurent, gerade 21 Jahre alt, am 15. November 1957 zum Chefdesigner des Hauses ernannt. Gleich mit der ersten Couture-Kollektion, der Trapez-Linie, feierte man ihn am 30. Januar 1958 als neuen Star der Pariser Mode. Er verzichtete auf Wattierungen und Versteifungen, schuf Leichtigkeit und Eleganz und schaffte mit den weit ausgestellten Kleidern die typisch Diorsche Taillierung ab. Schon diese Dreistigkeit, eine seit dem 18. Jahrhundert nicht mehr in der Modegeschichte erschienene und wenig schmeichelhafte Grundform wie das Trapez zu wählen! Viele Moderedakteurinnen sollen vor Rührung geweint haben. Eine Zeitung schrieb: „Saint Laurent rettet Frankreich.“ Und das war nicht einmal ganz übertrieben: Fast die Hälfte der französischen Modeexporte wurden damals vom Haus Dior getätigt. Und Saint Laurent gab den Damen, was sie an Organza und prächtigen Stickereien aus der Tradition des Hauses kannten. Mit dem nach der Lieblingsblume Diors benannten Maiglöckchen-Kleid erwies er dem Meister seine Reverenz.

Maiglöckchen! Was ein Wort! Und wie schnell sollte Schluss sein mit der herrlichen Mode! Die Schule war für den sensiblen Jungen schon schlimm genug gewesen. Und dann kam da im Jahr 1960, nach den frühen Erfolgen, ein Einschnitt, den seine Biographin Alice Rawsthorn mit dem Satz einleitet: „Wie die Schule war die Armee nicht: sie war schlimmer.“ Schwach und weibisch wirkte er in der Armee, als pédé haben sie ihn verspottet, und er war, anders als in Oran, wo wenigstens die Lehrer die Hand über ihn hielten, schutzlos den Anfeindungen ausgesetzt. Seine Depressionen holten ihn in einem Maße ein, dass er ins Militärkrankenhaus und schließlich in die Psychiatrie von Val-de-Grâce bei Paris musste. Und wenn der späte Yves Saint Laurent um so viel weniger maiglöckchenhaft war als der junge, wenn er anarchischer, sprunghafter, tiefgründiger, künstlerischer war, dann hat das auch mit einem weithin unaufgearbeiteten Kapitel der Psychiatrie zu tun. Sie setzte ihren Patienten mit Mitteln zu, die man heute wegen gefährlicher Nebenwirkungen nicht einmal Tieren verabreichen würden.

Er wog nur noch 40 Kilo

Bei seiner Entlassung nach drei Monaten wog er 40 Kilogramm. Er war ein Schatten seiner selbst und machte trotzdem weiter. Pierre Bergé, der später als Mitterrand-Freund und Operndirektor die besten Pariser Kreise beherrschte und dessen Rolle neu zu würdigen Modehistoriker nun angehen sollten, half ihm dabei. Karl Lagerfeld sagte uns vor kurzem, es sei Bergés verdammte Pflicht, YSL aufrechtzuerhalten. Aber wer ermisst die Mühen, einen so fragilen Menschen immer wieder anzustoßen, ihn zwei Mal im Jahr zur Haute Couture und zwei Mal im Jahr zum Prêt-à-porter zu befördern, das er selbst erfand, um der schwülstigen hohen Schneiderkunst die tragbare und verkäufliche Boutiquenmode beizugesellen, ihn auf neue Themen zu stoßen, mit Reisen nach Marrakesch für seine Erholung zu sorgen, mit der entsprechenden Gesellschaft für Erheiterung in all den düsteren Zeiten.

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