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Victoria Beckham : Von der Trash-Queen zur Designerin

Aus dem Vorbild für Unterschichten-Teenager wurde eine Frau, die Mode mit Stil entwirft Bild: REUTERS

Viele Jahre wurde Victoria Beckham belächelt und von der Modewelt nicht ernst genommen. Jetzt ist aus der selbsternannten Stilikone eine echte Designerin geworden. Die Kleider kosten zwischen 1000 und 4500 Euro.

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          Wenn Frauen ihr Leben verändern wollen, legen sie sich eine neue Frisur zu. Das war auch der Einstieg in das neue Leben der Victoria Beckham. Dreieinhalb Jahre ist es her, dass sie ihre Extensions in den Müll warf und aus der üppigen Lockenmähne eine akkurat geschnittene Kurzhaarfrisur wurde. So lange ist es auch her, dass die Britin ihren Angriff auf die Modewelt antrat, der durchaus aggressive Züge hatte und zeigte, wie jemand mit aller Macht um Aufmerksamkeit rang. Damals entwarf Beckham in Lizenz eine Jeanskollektion unter dem Label "dvb", schrieb einen Stilratgeber, brachte ein Parfüm raus, modelte für Roberto Cavalli und setzte sich penetrant oft in die erste Reihe von Modenschauen in Mailand oder London - in der Hoffnung, dass man sie eines Tages doch noch so ernst nehmen würde wie ihre Landsmännin Kate Moss. Die Strategie, um es gleich zu sagen, ging nicht auf. Jedenfalls nicht sofort. Es sollte noch zwei weitere Jahre dauern, bis aus der Stilikone für englische Unterschichten-Teenager eine Frau wurde, die Mode mit Stil entwirft.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Wende kam Ende 2007. Damals hatte der amerikanische Designer Marc Jacobs die etwas seltsame Idee, seine Kampagne für das Frühjahr 2008 ausgerechnet mit der Trash-Queen Victoria Beckham fotografieren zu lassen. Dafür suchte er sich einen etwas seltsamen Fotografen. Heraus kam ein seltsames Bild, das nicht nur als das originellste des Jahrzehnts gilt, sondern auch dafür sorgte, dass man Victoria Beckham plötzlich mit anderen Augen sah. Der Trick war ganz einfach: Modefotograf Juergen Teller spielte ironisch mit dem Image der konsumorientierten Spielerfrau, indem er nur ihre Beine mit Schuhen von Marc Jacobs zeigte, die aus einer überdimensional großen Tüte ragten - Tod durch Shoppen. Und dass Victoria Beckham das geschehen ließ, zeigte eine Souveränität, die ihr in der Modewelt Respekt verschaffte. "Ich habe die Gelegenheit genutzt, um Persönlichkeit und Humor zu zeigen", kommentierte sie die Kampagne in der "Vogue".

          Das Geschäft mit Promi-Mode ist riskant

          Im Sommer 2009 brachte sie eine Kollektion aus wenigen, aber gut geschnittenen Kleidern heraus. Eine Kollektion, die mehr war als ein Haufen Klamotten, die mit Hilfe eines prominenten Namens unters Volk geworfen wurden. Das Erstaunliche: Victoria Beckham entwarf ihre Kollektionen tatsächlich selbst, mit Unterstützung eines Designteams, wie es jeder andere Designer auch macht. Keine Accessoires, kein Schnickschnack, keine Applikationen, keine It-bags, keine Logos. Die Kollektionen sind bis heute schlicht, meist unifarben mit ungewöhnlichen Silhouetten und einer Rocklänge, die man von der notorischen Mini-Trägerin kaum erwartet hätte. Alles etwas bescheidener, leiser, durchdachter.

          Die Wende kam 2007, als Designer Marc Jacobs sie für eine Kampagne fotografierte

          Das Geschäft mit Promi-Mode ist lukrativ, aber auch riskant. Der Erfolg hängt vom Image des Namensgebers ab - und nicht vom Produkt selbst. Verliert der große Name an Strahlkraft, kann es das Aus für das Produkt bedeuten. Die Kollektion von Jennifer Lopez beispielsweise, die sie unter dem Namen "J.Lo for Jennifer Lopez" vermarktet, war zeitweilig äußerst erfolgreich, doch die Verkaufszahlen gingen dramatisch zurück, als es um die Schauspielerin nach der Geburt ihrer Kinder ruhiger wurde. Das ernsthafte Anliegen von Prominenten, sich durch Mode kreativ auszudrücken, ist selten zu erkennen. Es geht nicht um Mode, sondern um Marketing. Ästhetisch gesehen, hat ein Großteil der "Promi-Kollektionen" die Relevanz und Nachhaltigkeit von bedruckten Papierservietten.

          Mode als das Hobby einer verwöhnten Gattin?

          Victoria Beckham aber ist die erste "Celeb-Designerin", die auf der einflussreichen Internetseite www.style.com der amerikanischen "Vogue" unter der viel geklickten Rubrik "Fashion Shows" auftaucht - mit Kollektionsfotos und -kritiken. Schon über ihre ersten Entwürfe aus dem Jahr 2009 schrieb die Modekritikerin Nicole Phelps: "Die Frau, die mal als Posh Spice bekannt war, hat eine Kleider-Kollektion herausgebracht. Ob Sie es glauben oder nicht: Es ist eine der heißesten Sachen, die es bei der New Yorker Modewoche zu sehen gab." Mittlerweile tragen Hollywoodstars wie Cameron Diaz auf dem roten Teppich ihre Kleider. Jim Gold, Chef des Nobelkaufhauses Bergdorf Goodman, nennt sie eine "äußerst talentierte Designerin". Und Marc Jacobs, einer der einflussreichsten Designer überhaupt, lobte ihre Kenntnisse des Körpers und ihren Willen, wirklich hart zu arbeiten. Beckham selbst weiß, dass sie gegen Vorurteile zu kämpfen hatte. Auch dem, dass ihre Mode als das Hobby einer verwöhnten Gattin verstanden werden könnte. "Ich weiß, dass ich von einer Pop-Band kam und einen Fußballer geheiratet habe", sagte sie vor kurzem der "Times". "Aber ich denke, die Modeindustrie hat mich jetzt akzeptiert."

          Das hat die Britin wohl doch auch ihrem Gespür für Marketing und ihrem eisernen Willen zu verdanken - immerhin forcierte sie nicht nur den Wandel ihres Mannes vom talentierten Fußballer zum Lifestyle-Objekt. Sie setzte sich auch selbst penetrant in Szene, wenn sie sich etwa lasziv in Unterwäsche von Armani räkelte. Jetzt sind ihre Auftritte dezenter geworden. Frau Beckham ist klug genug, nicht selbst als Testimonial ihrer Kollektion aufzutreten. Zu ihren Modenschauen während der New York Fashion Week lädt sie in Privatwohnungen nur einen kleinen Kreis Journalisten und Einkäufer ein, begrüßt jeden mit Handschlag und kommentiert wie in den Pariser Modesalons der fünfziger Jahre ihre Kollektion kenntnisreich, mitunter ironisch. Ihre Kleider, die zwischen 1000 und 4500 Euro kosten, sind nicht für die Masse gemacht und nur in ausgewählten Läden oder der Online-Plattform Net-a-porter.com erhältlich. Dort kann man neuerdings auch Victoria Beckhams Denim-Kollektion beziehen. Die Britin erwarb die Lizenzen für Jeans und Sonnenbrillen unter ihrem Namen zurück - um alles unter Kontrolle zu halten. Zu hart hat sie für ihr neues Image gekämpft, als dass sie dessen Pflege andern überlassen würde.

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