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Victoria Beckham : Die Audrey für Arme

Victorias New Look: Eine große Sonnenbrille macht noch keine zweite Hepburn Bild: AFP

Victoria Beckham plant einen Imagewandel: Aus dem ehemaligen Spice Girl soll jetzt eine richtige Dame werden. Die ersten Versuche, Grace Kelly oder Audrey Hepburn zu kopieren, sind allerdings ziemlich peinlich geraten.

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          Auf den ersten Blick ist es eine gewöhnliche Vorher-nachher-Geschichte, wie man sie aus Modemagazinen kennt. Sie handelt von einer jungen Frau, die ihren Stil verändern möchte. Mit der Arbeit läuft es gerade nicht so besonders, und der Mann ist kurz davor, seinen Job zu verlieren. Also: neue Frisur, neue Klamotten, neues Make-up. Victoria Beckham trägt jetzt kurze Haare statt Extensions und dunkle Kostüme statt Hot pants und Tank tops. In der Post-WM-Zeit ist sie eleganter geworden, damenhafter. Doch die gelernte Sängerin will noch mehr: Sie will sich in der Modewelt etablieren. Sie will Stilikone sein, Designerin und Ratgeberin in Kleidungsfragen.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Handelt es sich etwa um die mißglückte Vermittlungstätigkeit einer britischen Arbeitsagentur? Tatsächlich dürfte die Umschulung der Sängerin zur Modeexpertin schiefgehen, denn der „Style“ der Fußballergattin kann nicht überzeugen. Er basierte bislang auf falschen Fingernägeln aus Acryl und angelöteten Haaren - daß auch ihr Dekolleté „fake“ ist, bestreitet sie. Nun will sie aber nicht mehr nur von englischen Unterschichten-Teenagern kopiert werden, sondern auch von Leserinnen der „Vogue“, die sich Chanel und Dior leisten können. Plötzlich sitzt sie nicht mehr bei dem gelinde gesagt stilistisch umstrittenen Designer Roberto Cavalli in der ersten Reihe, sondern bei Chanel und Marc Jacobs. Victoria Beckham will weg vom Massengeschmack, sie will eine High-End-Ikone werden. Und zwar um jeden Preis.

          Nur noch die Frau eines Fußballspielers

          Hinter dem Modefeldzug steckt das verzweifelte Bemühen um Anerkennung. Die 32 Jahre alte Victoria Beckham ist zwar eine der meistfotografierten Britinnen, aber nach dem Scheitern ihrer Solokarriere war sie nur noch die Ehefrau eines erfolgreichen Fußballers. Seit Beckhams Formtief hat sich auch das geändert: Sie ist nur noch die Frau eines Fußballspielers, der die meiste Zeit auf der Ersatzbank verbringt. Das „Golden Couple“ aus England droht in der Bedeutungslosigkeit zu enden. Victoria Beckham muß handeln.

          Stilikone? Victoria Beckham bei einer Modenschau

          Deshalb hat ihr Manager Simon Fuller - der Erfinder der „Spice Girls“ - einen Schlachtplan entworfen. Victoria Beckham wird ihr eigenes Jeans-Label herausbringen (bisher hat sie nur für die amerikanische Marke „Rock & Republic“ entworfen) und eine eigene Fashion-Show für das Fernsehen entwickeln. Stufe eins des Fullerschen Plans, Victoria zur internationalen Style-Queen zu machen, aber ist ein Stilratgeber, den sie jetzt in England herausgebracht hat (“That Extra Half an Inch - Hair, Heels and everything between“, Penguin-Verlag, zirka 30 Euro). So zielstrebig hat noch niemand versucht, die Modewelt zu erobern.

          Grace Kelly und Audrey Hepburn sind Modevorbilder

          Doch nach der Lektüre des Buches fragt man sich vor allem eines: Warum um alles in der Welt sollte man diese Frau kopieren? Das Buch offenbart das Grundproblem Victoria Beckhams: Sie ist selbst nur eine unscharfe Kopie von vielen Originalen. Ihr eigener Stil verschwimmt. Als ihre Modevorbilder gibt sie Grace Kelly und Audrey Hepburn an - die Allround-Ikonen seit Jahrzehnten. Das ist nicht besonders einfallsreich. In ihrem Buch trägt Victoria Hermès-Tücher um den Kopf geschlungen und imitiert den Hepburn-Look aus „Frühstück bei Tiffany“ - mit kleinem Schwarzen, großer Sonnenbrille und Hochsteckfrisur. Aber Victoria Beckham hat soviel mit Audrey Hepburn zu tun wie Michael Schumacher mit Cary Grant. Offenbar weiß sie nicht, daß man ein bestimmter Typ sein muß, um wie Audrey Hepburn zu wirken. Daß man dann keine Fingernägel aus Acryl tragen und über eine gewisse Grazie verfügen sollte. Da reicht es nicht, sich auf Größe 32 herunterzuhungern, mit der Folge, daß der Kopf im Verhältnis zum Körper zu groß wirkt. Die britischen Medien nennen sie deshalb „Lollypop-Lady“.

          Der Mode-Kosmos des ehemaligen Spice Girls ist vor allem ein Marken-Kosmos. Ihr Ratgeber liest sich wie die Produktpalette eines Nobelkaufhauses. Wir erfahren, welche Körperlotion Victoria nimmt, wie ihr Selbstbräuner heißt, welches Haarspray sie bevorzugt, daß sie ihre Body-Lotion nur im Body-Shop kauft und Make-up nur von Armani trägt. Allerdings propagiert sie nicht nur teure Marken, sondern scheint ab und zu doch noch auf ihre alte Zielgruppe zu schielen: Gönnerhaft erzählt sie etwa, daß auch Teile von Marks & Spencer in ihrem Kleiderschrank hängen. Vor allem aber ist sie auf du und du mit den großen Designern aus Paris, Mailand und New York. La Beckham verbreitet belanglose Anekdoten über Roberto Cavalli und Donatella Versace, die sich wiederum mit Lobeshymnen auf Victoria revanchieren. Sie sehe im wirklichen Leben noch besser aus als auf Fotos (Manolo Blahnik), sie könne so toll mit Accessoires umgehen (Valentino), und Roberto Cavalli findet sie nicht nur glamourös und schön, sondern will ihre „wahre Seele“ entdeckt haben.

          Cinderella in der ersten Reihe

          Dennoch stilisiert sie sich immer noch als „Mädchen von nebenan“, das durch Zufall in eine Märchenwelt geraten ist. Als sie das erste Mal bei Versace in der ersten Reihe saß (damals noch als „Spice Girl“), habe sie sich wie Cinderella gefühlt. Und so berauscht sie sich bis heute an der Konsumwelt, die ihr als Mädchen aus einer englischen Kleinstadt unter normalen Umständen versagt geblieben wäre. Nun aber, so schreibt sie in ihrem Buch, möchte sie das Erlebte teilen und die Geheimnisse ihres Stils preisgeben. „Sie kann jeden Raum in der Modewelt betreten und weiß genausoviel wie alle anderen, wenn nicht sogar mehr“, verkündet ihr Manager.

          Aber was weiß sie wirklich? Victoria Beckhams Wundertüte ist ein Tischfeuerwerk, das nicht zündet, die Tips der Style-Queen so lau wie ein englisches Frühstückswürstchen. Jeder Friseurlehrling weiß zum Beispiel, daß Haare fülliger wirken, wenn man mit dem Kopf nach unten fönt. Oder wäre man nicht selbst darauf gekommen, unter enge T-Shirts keine Spitzen-BHs anzuziehen, weil die auftragen? Oder daß man seine Haut vor Sonne schützen muß und Tagescreme mit Lichtschutzfaktor nehmen sollte? Oder daß man zu einem gemusterten Rock am besten ein schlichtes Oberteil anzieht? Und seine Garderobe am Vorabend plant, um nicht in Hektik zu geraten? Solche hausbackenen Ratschläge ziehen sich über Seiten hin, und man fragt sich besorgt, was Coautor Hadley Freeman, Fashion-Editor beim „Guardian“, eigentlich zu dem Meisterwerk beigetragen hat.

          Boulevardblätter feiern sie als neue Stilikone

          Echte Lebenshilfe gibt es allerdings im Kapitel „Parties“ - zumindest für alle, die demnächst mal über den roten Teppich laufen müssen. Zur Vorbereitung auf einen solchen Abend, so erfahren wir, sollte man Frank Sinatra hören und vierzig Minuten fürs Make-up einplanen. Trägt man ein schulterfreies Kleid ohne BH, sollte man nicht vergessen, die Brüste mit Perücken-Kleber am Kleid zu befestigen. Anschließend sollte man seine Mutter anrufen und fragen, ob sie das Outfit okay findet. Gut zu wissen.

          In englischen Bestsellerlisten steht ihr Stilratgeber bereits auf Platz 2, die Regenbogen-Blätter feiern sie als neue Stilikone und preisen ihren Look. Fullers Plan scheint einmal mehr aufgegangen zu sein. Und um auf Nummer Sicher zu gehen, verrät Victoria in Interviews Intimitäten aus ihrem Privatleben. Einem englischen Magazin erzählte sie, daß sie auf Haarverlängerung verzichtet habe, weil es im Schlafzimmer zu Problemen gekommen sei: „Ich war auf dem Höhepunkt der Lust und meine Extensions kamen raus - das war so peinlich.“ So etwas mag zwar dem Buchverkauf dienen, mit Stil hat es wenig zu tun.

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