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Tragbare Elektronik : Die Couture der Zukunft

Das Kleid von Hussein Chalayan dient als Videobildschirm Bild:

Wenn Technik auf Textilien trifft, entsteht eine neue Form der Mode - „wearable electronics“. Noch tragen die Entwürfe vor allem Popstars, doch bald könnten die Bekleidungshybride einen breiteren Markt ansprechen.

          Den ersten Eindruck, den die Gäste der Mode-Gala Anfang Mai im New Yorker Metropolitan Museum von Katy Perrys weißem Kleid hatten, war: etwas langweilig, zu altmodisch und zu damenhaft für eine 26 Jahre alte Popsängerin, die sonst eher freizügig über die Bühne rennt. Aber Katy Perry wartete noch eine Weile, bis sie das Feuerwerk zündete. Sie betrat die leicht abgedunkelte Halle und legte den Schalter in ihrem BH um. Es machte klick, und Katy Perrys Kleid strahlte plötzlich wie eine Leuchtreklame, erst rosa, dann grün, dann gelb. Es war der Überraschungshit des Abends - und das Kleid, über das in den nächsten Tagen in Modeblogs und Boulevardzeitungen am ausführlichsten berichtet wurde.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bislang war High-Tech-Mode ein Nischenprodukt, das in der Sportwelt und im medizinischen Bereich, also überall dort, wo es funktional zugeht, gefragt war. Doch mit Katy Perrys Auftritt vor knapp drei Wochen zeigte sich: Hightech-Entwürfe sind tragbar, originell und celebrity-tauglich. In der Sprache der Mode heißt das: Sie sind zu begehrenswerten Objekten geworden. Anders als im üblichen Modedesign geht es bei Hightech-Mode weniger um Schnitte, Farben und Muster, sondern darum, Stoffe mit einer zweiten Dimension zu verknüpfen, ihnen mit Hilfe von Elektronik Leben einzuhauchen. Mitunter sind es hochkomplexe Produkte, die, wenn man unter den Stoff blickt, wie das Innenleben eines Computers aussehen.

          Spektakuläre Möglichkeiten

          Vielleicht ist es das, was High-End-Designer stets abschreckte. Zu den wenigen experimentierfreudigen unter ihnen gehört Hussein Chalayan, der sich bevorzugt im Grenzbereich zwischen Kunst und Mode bewegt. Der Brite zyprischer Herkunft zeigte auf dem Laufsteg in Paris ein Kleid mit Videobildschirm, auf dem Filme zu sehen sind. Vor drei Jahren präsentierte er zudem eine Jacke, aus der rote Laserstrahlen blitzten. In Produktion sind die Teile niemals gegangen, aber sie zeigten auf spektakuläre Weise, was in der Mode alles möglich ist - und wie die Couture der Zukunft aussehen könnte.

          Moritz Waldemeyer gilt als der Experte, wenn es darum geht, Stoff und Elektronik zu verbinden

          Doch Hussein Chalayan, vermutlich in Elektronik wenig bewandert, brauchte Hilfe, um die Kleider zum Leuchten zu bringen. Der Mann, der als Experte für die Fusion von Mode und Elektronik gilt, heißt Moritz Waldemeyer. In seinem Studio im Südwesten von London tüftelt er stets so lange mit Kabeln, Dioden und Leuchten herum, bis auch die ausgefallensten Wünsche realisiert werden können. Waldemeyer, der aus Halle stammt, ist wie viele, die sich mit Hightech-Mode beschäftigen, eine Mischung aus Designer und Techniker - und kam eher zufällig dazu, sich mit „smart fashion“ auseinanderzusetzen. Er studierte eine Mischung aus Maschinenbau und Elektrotechnik und arbeitete während des Studiums bei der Firma Philips in einem Forschungslabor, das sich mit „wearable electronics“ beschäftigte. „Dort wurde viel experimentiert, ohne dass man den Druck hatte, in Serie zu gehen“, erzählt er. Später machte er sich selbständig und gilt seitdem nicht nur in London als Experte für Hightech-Design.

          U2-Sänger Bonos Lieblingsjacke kommt von Waldemeyer

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