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Stoffmesse in München : Sind die Zeiten schwer, sind die Stoffe weich

Feine Fingerspitzen für die weiße Spitze: Escada-Designer Daniel Wingate (links) und „Monsieur Jeremy“ von Solstiss (rechts), Hersteller französischer Spitze, in Verhandlungen. Bild: Munich Fabric Start

Eine Stoffmesse ist für Modemacher nicht nur das Einkaufszentrum, sondern auch ein Labor für Ideen. Hier finden sie die Bausteine für ihre Kollektionen. Ein Bummel mit Escada-Designer Daniel Wingate.

          6 Min.

          Daniel Wingate hat keinen Einkaufszettel mitgebracht, sondern ein rechteckiges Stück weiße Spitze. Das erinnert den Chefdesigner der Münchner Traditionsmarke Escada an die Besorgung, die er erledigen muss. Er steht an diesem kalten Nachmittag im Foyer einer anonymen Messehalle im Norden von München, um ihn herum so viele Menschen, dass man vor allem befürchtet, er könne sich hier einen grippalen Infekt einfangen.

          Jennifer Wiebking
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Aber das ist der Ort, an dem Modemacher wie Wingate um diese Jahreszeit nach weißer Spitze suchen. Oder wenigstens ist es von hier nicht mehr weit bis dahin. „E 214 – es geht nach E 214“, sagt der Designer entschlossen, vergräbt das Stück Spitze in der Faust und durchkreuzt die Messehalle. Er steigt eine Wendeltreppe in den zweiten Stock hinauf, biegt rechts ab, verläuft sich einmal, steht wenige Minuten später doch in dem büroraumähnlichen Zimmer und begrüßt „Monsieur Jeremy“, wie er den Aussteller aus Frankreich nennt.

          Am Vormittag war im Atelier von Escada in München Anprobe für Resort 2014, für jene Zwischenkollektion, die ab Anfang Januar in den Läden zu kaufen sein soll und davon noch weit entfernt ist. Für ein paar Strickpullover fehlt es eben an jenem i-Tüpfelchen aus Spitze. Wingates Anliegen ist kurzfristig: „Ich brauche sie ab Lager“, sagt er vorsichtig in zuckersüßem Französisch, als ahne er schon, dass sein Gegenüber von der Firma Solstiss, die sich im Nordosten Frankreichs auf Spitzenstoffe spezialisiert, nicht so einfach liefern kann.

          Wenn Solstiss aus Russland käme, würde es Wingate, der Amerikaner ist und außerordentlich gutes Deutsch spricht, wohl mit den paar Worten Russisch versuchen, die er gelernt hat. Schließlich entsteht hier auf der Stoffmesse, der Munich Fabric Start, nichts Geringeres als die Kollektionen für das nächste Frühjahr 2014. Und für Feinheiten an der ein paar Monate früher auszuliefernden Resort-Linie von Escada ist es, wie man sieht, auch nicht zu spät.

          Die Stoffmesse ist Einkaufszentrum und Ideenlabor zugleich: Ausstellerin aus Italien.
          Die Stoffmesse ist Einkaufszentrum und Ideenlabor zugleich: Ausstellerin aus Italien. : Bild: Munich Fabric Start

          Hier trifft die Wirklichkeit des Stoffmarktes auf die Ideen, die ein Designer im Kopf hat. Und auf seinen Tastsinn. Der Einkäufer muss natürlich auch denken und handeln, aber zuvor muss er alles anfassen. Fühlt sich der Samt zu pelzig an? Sind die Metallknöpfe zu schwer? Escada ist drei Tage lang mit 20 Händen vor Ort in den acht Hallen, wo insgesamt 900 Aussteller rund 18000 Besucher anlocken. „Einer unserer Mitarbeiter ist beispielsweise nur gekommen, um nach Reißverschlüssen zu suchen“, sagt Wingate. „Solche mit schönen goldenen Zähnen.“

          Auf einer Stoffmesse, wie sie nicht nur die Munich Fabric Start ausrichtet, sondern auch die Première Vision in Paris und die Milano Unica in Mailand, werden die Bausteine einer Kollektion gesetzt. Die Spitzen-Lieferung ist für Escada entsprechend wichtig. Die Auswahl der Stoffe kann für ein Modehaus am Anfang einer erfolgreichen Saison stehen – oder dazu führen, dass die Kollektion ein Flop wird. Als Designer lernt man dafür gern ein paar Fremdsprachen.

          Bei 300 Euro pro Meter schüttelt man selbst bei Escada die Köpfe

          In der Mode ist die Stoffmesse also gleichzeitig Einkaufszentrum und Ideenlabor der Designer. Und mit den hohen Stellwänden, die kreuz und quer über die Hallen verteilt sind, erinnert sie auch an ein Labyrinth. Eine gewisse Geheimniskrämerei, die verhindert, dass der eine Aussteller dem anderen über die Schulter schaut, gehört zum Geschäft mit den Trends. Manch ein Lieferant belegt gleich ein eigenes Zimmer wie Monsieur Jeremy von Solstiss in E 214.

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