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Stella McCartney im Gespräch : „Hinter jeder tollen Frau steht ein toller Mann“

  • Aktualisiert am

„Ein grauer Melange-Pullover sollte einen Platz im Leben haben“: Stella McCartney in Berlin. Bild: Getty Images / P&C

Designerinnen-Feminismus? Ist doch ganz normal unter Modemacherinnen, sagt Stella McCartney, die privat gerne Einteiler trägt.

          Bevor Stella McCartney am Donnerstagnachmittag auf dem roten Sofa in Zimmer 84 des Berliner Soho-House-Clubs zum Interview Platz nimmt, schaut sie sich ein paar Stunden lang die Arbeit von anderen Designern an, von jungen Absolventinnen aus Rumänien, Deutschland und Großbritannien, den fünf Finalistinnen des „Designer for Tomorrow“-Awards, der seit 2009 jährlich von Peek & Cloppenburg vergeben wird. Vormittags gibt sie also schlaue Ratschläge und stellt Fragen: Sind Ihre Teile waschbar? Wo finden Sie Inspirationen? Vielleicht versuchen Sie es mal mit einer anderen Farbe? Spätestens wenn die fünf eh schon ziemlich talentierten Designerinnen dann ihre Kollektionen während der Berliner Fashion Week im Juli präsentieren, wird sich zeigen, wie viel die Nachhilfestunde mit McCartney gebracht hat. Wie soll man sich dafür als junger Modemacher bei einem alten Hasen wie ihr bedanken? Muss man offenbar gar nicht. McCartney scheint zu danken und hat am Donnerstag für jede Finalistin einen „goody bag“ parat – mit Sonnenbrille und Parfum.

          ***

          Mrs. McCartney, wie Sie sehen, trage ich zu unserem Interview eine dunkelblaue Jogginghose mit schwarzen Bündchen. Sie glänzt zwar seidig, aber der Schnitt ist ganz klar der einer Jogginghose. Kann so ein Modell, das daheim auf dem Sofa durchaus bequem wäre, jemals geschäftstauglich sein?

          Ja, ja, warum denn nicht? Sogar eine Anwältin, mit der ich sehr eng zusammenarbeite, trägt die praktisch täglich. Die Hose ist ja aus einem wunderschönen Material, das nichts mit gewöhnlichem Sweatshirt-Material zu tun hat. Ein bisschen Haltung darf man schon bei der Arbeit zeigen.

          Sie hingegen haben eine Schwäche für den Einteiler.

          Ich mag das Unangestrengte daran. Man zieht ihn an und muss nicht weiter darüber nachdenken, welches Oberteil zu welchem Unterteil passt. Damit hat es sich einfach.

          Wobei die meisten Männer bei dem Look wahrscheinlich sofort an einen Blaumann denken würden, an die Garderobe eines Mechanikers.

          In einem Einteiler nimmt man eine sehr interessante Haltung ein. Man fühlt sich sofort anders, und es verändert die Art, wie man da draußen rüberkommt. Es ist wirklich interessant, wie das, was man trägt, Einfluss darauf nehmen kann, wer man ist. Wenn ich einen Einteiler trage, mag ich die Person, zu der ich darin werde.

          Stehen Sie jemals morgens vor Ihrem Schrank und denken, liebe Güte, ich habe nichts anzuziehen?

          Nein.

          Was sind die wichtigsten Teile im Kleiderschrank, die dazu beitragen und die jede Frau besitzen sollte?

          Ein gutes Paar Jeans. Davon habe ich ein paar locker sitzende Boyfriend-Paare und Röhrenmodelle. Ein grauer Melange-Pullover sollte einen Platz im eigenen Leben haben. Ein gutes T-Shirt, ideal ist eins, das bereits etwas hinter sich hat. Und ich bin natürlich ein großer Fan von Tailoring. Und dann sind schöne Kleider wichtig. Sie sehen, in solchen Fragen bin ich grauenhaft. Ich zähle alles auf.

          Kleiden sich Frauen heute weniger für Männer und mehr für sich?

          Wenn man als Frau Designerin ist, dann hat man schon etwas Feministisches an sich, etwas Bahnbrechendes, das man für andere Frauen schaffen möchte. So bin ich. Aber gleichzeitig gibt es eben auch Momente, in denen man denkt, für Männer ist das nicht so toll. Ich liebe Frauen, aber ich glaube auch, dass hinter jeder tollen Frau ein toller Mann steht. Ich glaube nicht, dass sich Frauen fühlen sollten, als kleideten sie sich für Männer, sie sollten sich für sich selbst anziehen, aber während sie das tun, fördern sie ja ihr Selbstbewusstsein und bleiben sich treu. Das ist dann auch etwas für Männer. Die Leute finden es attraktiv, wenn man nah bei sich ist, mit einem freundlichen inneren Selbstvertrauen.

          Sie haben, als Schirmherrin der „Designer for Tomorrow“-Nachwuchsauszeichnung von Peek & Cloppenburg für junge Designer, ausschließlich weibliche Finalisten ausgewählt.

          Ich weiß, ich hatte ja keine Ahnung. Um die auszuwählen, habe ich mir 350 Leute angeschaut und wusste wirklich nicht, ob das nun Männer oder Frauen waren. Auf diese Weise bin ich wohl über fünf Frauen gestolpert. Verrückt.

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