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Russische Armee : Dress to kill

Flott mit Barett: Die russische Soldatin trägt im Winter eine Persianerkappe Bild: AP

Der Designer Valentin Yudashkin hat die neuen Uniformen für die russische Armee entworfen. Mit dem Outfit soll das Image einer der größten Truppen der Welt verbessert werden. Die Uniformen werden während einer Militärparade präsentiert.

          Es ist lange her, dass ein russischer Soldat in Uniform Eindruck schinden konnte. Denn im Russland von heute gelten Soldaten eher als Mitglieder einer mehr oder weniger desolaten Truppe: Sie werden nicht nur schlecht bezahlt und leben teilweise am Existenzminimum, es kommt auch immer wieder zu Gewaltakten innerhalb der Truppe. Jedes Jahr werden Hunderte von Todesfällen "ohne Feindberührung" gemeldet, viele junge Männer sterben durch Selbstmord oder durch Misshandlungen, die auf dem System der "Dedowschtschina" basieren, bei der Rekruten von dienstälteren Soldaten schikaniert, wenn nicht regelrecht gefoltert werden. Die russische Armee, einst die gefürchtetste der Welt, ist selbst zu ihrem größten Feind geworden.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das hat auch Wladimir Putin erkannt. Der amtierende Präsident versuchte in den vergangenen Jahren, die Moral der Truppe zu verbessern und ihr jenes Gewicht zurückzugeben, das sie einmal hatte, nicht nur als Rote Armee, sondern auch in der Glanzzeit unter den russischen Zaren: Unter anderem führte Putin die markanten hohen Pelzkappen wieder ein, die Offiziere bereits zur Zeit Peters des Großen trugen. Die alte Pracht kam trotzdem nicht wieder: Das Image der russischen Armee blieb so schmutzig grau wie die Fassade eines sibirischen Plattenbaus.

          In der kreativen Szene so mächtig wie Putin im gesamten Land

          Das soll mit Valentin Yudashkin anders werden. Russlands populärster Modedesigner, der die Reichen und Schönen von Moskau zu seinen Kundinnen zählt, hat eine Aufgabe übernommen, die in jedem Fall hohe Absatzzahlen garantiert: Er verpasst einer der größten Armeen der Welt mit 1,2 Millionen Soldaten ein neues Outfit und soll so dem Image der heruntergekommenen Truppe zu neuem Glanz verhelfen.

          Fashion-Talk: Putin und Yudashkin

          Valentin Yudashkin ist ein kleiner Mann. Fast hätte man ihn im Gewusel der Mailänder Modewoche übersehen. Er trägt weißes Hemd unter schwarzem Sakko, dazu eine einfarbige Seidenkrawatte. Das Haar, leicht antoupiert, fällt schwungvoll zur Seite. Am Tag nach der Präsentation seiner Kollektion bei der "Milano Moda Donna" Mitte Februar eröffnet er eine Kunstausstellung, denn Yudashkin ist nicht nur Russlands bekanntester Designer, er ist auch einer der bekanntesten Künstler. Man könnte sagen, dass er in der kreativen Szene so mächtig ist wie Wladimir Putin im gesamten Land. Und wie das so ist unter Mächtigen: Man spricht möglichst nicht schlecht übereinander. Putin sei ein charmanter Mann mit großem Charisma, sagt Yudashkin, die beiden hätten sich bestens unterhalten, als die neuen Uniformen Anfang Februar im Kreml vorgestellt wurden.

          Troddeln, Goldknöpfe und bestickte Kragen

          Yudashkin, der sein Modehaus schon 1991 gründete, ist wegen seiner Omnipräsenz eine Art russischer Karl Lagerfeld, sein Stil ähnelt aber eher dem von Gianni Versace: Es glitzert viel, Gold gehört zu seinen Lieblingsfarben, es gibt viele Applikationen und Stickereien - eben all das, was russische Frauen lieben. Zu seinen Kundinnen zählt neben den Gattinnen der Oligarchen auch die als modebewusst geltende Frau des künftigen Präsidenten, Swetlana Medwedjewa. Nur Ljudmila Putina verweigerte sich dem Yudashkin-Hype. Die Frau des amtierenden Präsidenten hat nicht gerade den Ruf, ein Fashion-Victim zu sein. Lieber lässt sie sich ihre Kleider von einem Unbekannten diskret nach Maß schneidern.

          Wie aber geht es einem Kreativen, der sich unter den Argusaugen des Kreml an Feldanzügen und Fliegerjacken austoben darf? Natürlich, sagt Yudashkin lächelnd, sei es etwas völlig anderes, Uniformen zu entwerfen als modische Kleidung, schließlich gebe es viel strengere Vorgaben. Trotzdem erkennt man seine Handschrift auch in dieser Arbeit. Der Designer, dessen Entwürfe bereits im Louvre und im Metropolitan Museum of Art ausgestellt wurden, hat bei den Ausgehuniformen das Kostümhafte in den Vordergrund gestellt: Die dekorativen Elemente wie Troddeln, Goldknöpfe und bestickte Kragen spielen leicht ins Operettenhafte. Damit erinnert die neue Militärkollektion eher an die Zarenzeit als an die Anfänge der Roten Armee, die ja, als sie am 28. Januar 1918 gegründet wurde, auf Dienstgrade zunächst komplett verzichtete.

          „Die Armee ist eine Kopie der Gesellschaft“

          Er habe zwar Wert gelegt auf Tradition, sagt Yudashkin, deswegen aber auf moderne Elemente nicht verzichtet: die Passform ist nun figurbetonter als vorher, auch sollen neue Materialien wie Mikrofaser das Tragen der Uniform erleichtern. Zu den am meisten diskutierten Veränderungen aber gehört das Schuhwerk. Bislang bandagierten die russischen Soldaten ihre Füße, anstatt Socken zu tragen. Eine Eigenheit, die bereits unter Peter dem Großen eingeführt und als Relikt und Ritual sorgsam gehegt wurde. Erst, wer seine Füße fachgerecht bandagieren konnte, galt als echter Soldat. Zur neuen Uniform werden die Soldaten Socken tragen, was durchaus hygienischer ist, denn sie lassen sich schneller wechseln. Auch das Modell der Marschstiefel ist ausrangiert und durch Schnürstiefel ersetzt worden, ähnlich wie sie in der U.S.-Army getragen werden. Traditionalisten halten das für die am schwersten zu verkraftende Änderung.

          Der Öffentlichkeit werden die insgesamt neun verschiedenen Uniformen so präsentiert, wie es sich für ein Land mit imperialer Vergangenheit gehört: am 9. Mai bei einer zünftigen Parade auf dem Roten Platz. Doch es gibt auch Kritiker, die die neuen Uniformen für eine teure Fassade halten, während sich die Zustände und die Lebensbedingungen in der Truppe nicht verbessert hätten. "Die Armee ist eine Kopie der Gesellschaft", sagte schon Leo Trotzki, "sie leidet unter den gleichen Krankheiten, nur mit wesentlich höherer Temperatur." Immerhin ist es jetzt eine, die keine Schweißfüße mehr hat.

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