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Runway to Win : Der Teufel trägt Obama

Obama-Style: Schal von Monique Péan im Entwurf Bild: Monique Péan

Kann man mit einer Handtasche in die Zukunft eines Landes investieren? Die amerikanischen Demokraten sagen ja und ziehen mit einer eigenen Modekollektion in den Wahlkampf.

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          Der Sommerschal sieht besonders demokratisch aus. Artikel SKU OFA1508 im Online-Shop ist weiß und könnte deshalb selbst etwas für Leute sein, die von sich sagen, Farbe sei nicht mit ihrem Hauttyp zu vereinbaren. Das Muster des Schals, den die amerikanische Schmuckdesignerin Monique Péan entworfen hat, passt mit seinem abstrakten Kleckswirrwarr an den Hals von jedermann - solange man ihn trägt. Sollte man ihn nämlich ausziehen und glattstreichen, wird aus dem Konsensklecksmuster das Konterfei des Präsidenten.

          Jennifer Wiebking
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Barack Obama lässt sich im Wahlkampf nicht nur auf großen Tribünen, in kleinen Klassenzimmern und Menschenmengen fotografieren, sein Gesicht landet auch in den Merchandisingkollektionen der Demokratischen Partei. Da ist zum Beispiel die Linie der „Frauen für Obama“, die der jüdisch-amerikanischen, der afroamerikanischen und der lateinamerikanischen Obama-Unterstützer. Es gibt eine Kollektion der „Krankenschwestern für Obama“, eine der Umweltschützer und eben eine von 23 amerikanischen Modemachern. Für „Runway to Win“ haben sie Stücke entworfen, die, wie besagter Schal von Monique Péan, den Geist der Person Barack Obama modisch einfangen sollen.

          „Die Tasche ist ein Investment in die Zukunft“

          Nun äußerten Designer schon vor vier Jahren mit „Runway to Change“, dem Vorgänger von „Runway to Win“, den Wunsch nach Veränderung beispielsweise durch eine Korbtasche. Die Modemacherin Rachel Roy lancierte damals pünktlich zur Amtseinführung ein T-Shirt mit den Worten „I Love My President“. So weit geht jetzt in der Fortsetzung der Demokratenkollektion dann doch niemand.

          Stars and Stripes: Patriotismus bei Sean John.
          Stars and Stripes: Patriotismus bei Sean John. : Bild: barackobama.com

          Trotzdem eignet sich „Runway to Win“ natürlich hervorragend als stoffgewordenes Wahlplakat. Auch damit trägt man schließlich, wie Mode es eben so an sich hat, sein Innerstes nach außen. Es gehe doch nicht einfach nur um diese Tragetasche, schreibt zum Beispiel Julianna Smoot, stellvertretende Leiterin der Obama-Kampagne, auf barackobama.com. „Im Gegenteil“, pflichtet ihr auch Andrew Hill, freiwilliger Wahlkampfhelfer, beim Telefonat mit der Zeitung aus Deutschland bei, wo eine solche Initiative undenkbar wäre. „Die Tasche ist ein Investment in unsere Zukunft.“

          Er selbst trage an diesem Dienstagmittag in Chicago, während der Vorbereitungen für die „Runway to Win“-Benefizveranstaltung, das „I Vote Obama“-T-Shirt von Marc Jacobs, einem der 23 Designer. Acht von ihnen kamen dann am Abend ebenfalls nach Chicago, wo 600 shoppende Fans und zwei Gastgeberinnen warteten: das Model Chanel Iman, die als Vertretung für ihre Kollegin und Namensvetterin Iman einsprang, und Anna Wintour, die „Vogue“-Chefredakteurin.

          Wintour sammelt eifrig Spenden

          Zurück in New York, rieb sich Wintour weiter für Obama und „Runway to Win“ auf. Am Donnerstag organisierte sie gemeinsam mit Schauspielerin Sarah Jessica Parker ein Benefiz-Abendessen im Privathaus der Schauspielerin. Mit Einnahmen von bislang über 500 000 Dollar gehört Wintour zu Obamas fleißigsten Spendensammlerinnen im Wahlkampf. Schon 2008 setzte sie sich für ihn öffentlich ein. Seitdem mag der Enthusiasmus für den Präsidenten in der Bevölkerung insgesamt gesunken sein, Wintours Obama-Engagement aber hat sich noch gesteigert. Auch in ihren Privaträumen richtet sie Feste zugunsten der Demokraten aus. Umgekehrt war sie in den vergangenen Monaten zu Gast bei offiziellen Abendessen im Weißen Haus und im State Department. Michelle Obama steht sie in Kleiderfragen beratend zur Seite.

          Und dennoch, wenn sich eine so provokante Figur wie Wintour einmischt, die mit ihrer Manier Stoff für einen ganzen Film wie „Der Teufel trägt Prada“ bietet, muss die Stimmung wohl irgendwann kippen. So veröffentlichte Wintour vor zwei Wochen, genau an jenem Tag, als das Arbeitsministerium gestiegene Arbeitslosenzahlen meldete, ein Video für die Demokraten. Im Tweedkostüm und um den Hals das Seidentuch aus der Demokratenkollektion, schwärmt Wintour darin, wie viel Glück sie habe, in ihrem Beruf auf faszinierende Frauen zu treffen. Als sie dann auch noch zwei Karten fürs Abendessen in in Sarah Jessica Parkers Haus - Stückpreis: 40 000 Dollar - zu verlosen hatte, war das die Gelegenheit für die Republikaner, das Video auseinanderzunehmen.

          Sichtungstraining für die Garderobe der möglichen First Lady

          Gegen „Runway to Win“ sticheln sie, wo sie nur können. Obama sei abgehoben und überhaupt - die Modewelt, mit der er paktiere, die bunten Handtaschen und Designerschals, all das sei außer Reichweite für Amerikaner mit geringem Einkommen. Und außerdem: Wie könne es sein, dass Designer, deren Produkte für gewöhnlich um ein Vielfaches teurer seien, für „Runway to Win“ plötzlich Ware für unter 100 Dollar anböten?

          Mit einem Blick auf die Kollektion allerdings erklären sich die Preise eigentlich von selbst. So finanziert sich „Runway to Win“ wohl nicht, wie die Republikaner zu vermuten scheinen, mit illegal abgezweigten Geldern, sondern mit geringem kreativen Aufwand. Es sei ja nicht so schwer gewesen, ein T-Shirt zu gestalten, sagte zum Beispiel Proenza-Schouler-Designer Lazaro Hernandez der „New York Times“.

          Auf Kreis und Linie: Narciso Rodriguez zeigt mit dem offiziellen Logo der Kampagne Parteitreue.
          Auf Kreis und Linie: Narciso Rodriguez zeigt mit dem offiziellen Logo der Kampagne Parteitreue. : Bild: barackobama.com

          Dass sich Hernandez dennoch wie viele andere junge Modemacher dazu hinreißen lässt, etwas zu entwerfen, was auch in einem Souvenirshop Platz finden könnte, liegt an der Aufmerksamkeit, die ihm auf diesem Weg zuteil wird. Der amerikanische Wahlausschuss hat ermittelt, dass rund die Hälfte aller Labels, die für „Runway to Change“ 2008 oder für „Runway to Win“ 2012 spendeten, auch in Michelle Obamas Kleiderschrank hängen. Die Demokratenkollektion ist für amerikanische Designer also gewissermaßen ein Sichtungstraining, um sich für die spätere Garderobe der möglichen First Lady zu qualifizieren.

          Bangen um Republikaner-Kunden

          Trotzdem bleiben einige Modelabels „Runway to Win“ 2012 doch fern. Schließlich gehen sie mit der Teilnahme auch das Risiko ein, sich von jenen finanziell liquiden Kunden zu entfremden, die aus Überzeugung tendenziell eher die Republikaner wählen. Donna Karan zum Beispiel, 2008 noch eine der Designerinnen der Demokratenkollektion, ist nicht mehr dabei. Auch der Luxuskonzern LVMH hat, wie das Branchenblatt „Women’s Wear Daily“ berichtet, seinen Marken zunächst untersagt, für „Runway to Win“ zu entwerfen - bis Anna Wintour Druck machte und erst so Marc Jacobs, der für LVMH arbeitet, für die Initiative gewinnen konnte.

          Wahlkampf auf dem T-Shirt: klare Ansage von Marc Jacobs.
          Wahlkampf auf dem T-Shirt: klare Ansage von Marc Jacobs. : Bild: barackobama.com

          Warum sich Wintour überhaupt für diesen Nippes einsetzt? In ihrem vor zwei Wochen veröffentlichten Video bleibt sie vage. Sie und Schauspielerin Parker hätten beide ihre ganz eigenen Gründe, Obama zu unterstützen. Die britische Zeitung „The Observer“ ging allerdings am vergangenen Sonntag so weit zu spekulieren, dass Wintour eine Kandidatin für den amerikanischen Botschafterposten in London sein könnte, wenn dieser Ende des Jahres womöglich neu zu vergeben ist.

          Das ist wahrscheinlich totaler Quatsch. Sollte es doch dazu kommen, dann fände die dann ehemalige Chefredakteurin der amerikanischen „Vogue“ in London eine Verbündete vor: die jüngere Schwester von Premierministergattin Samantha Cameron. Sie arbeitet als stellvertretende Chefredakteurin bei der britischen „Vogue“.

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