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Reparatur in Mode : Das Pflaster auf der Handtasche

Werkstätten, in denen Mode und Handtaschen repariert werden, könnten die Boutiquen von morgen sein. Bild: Valentine Edelmann

Früher trug man ein Leben lang dieselbe Handtasche, heute werfen viele Leute kaputte Dinge einfach weg. In Zukunft aber wird man vieles reparieren – und einige tun es schon jetzt.

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          Peter Schulz hört es nicht gerne, wenn die Leute vom Schuster sprechen. Die Berufsbezeichnung sei falsch, und überhaupt muss er dabei immer an dieses Kinderlied denken. „Im Keller wohnt ein armer Schuster. Er hat kein Licht. Er hat kein Licht. Er sieht die liebe Sonne nicht.“ Das stimmt heute nicht mehr. Der Schuster ist eigentlich ein Schuhmacher, und der hat Grund zum Jubeln. Seit dem Krieg ist die Zahl der Schuhmachereien zwar zurückgegangen. Doch das ist Geschichte. Heute müssen kaum noch Schuhmacher ihren Laden schließen, weil die Leute ihre alten Schuhe lieber reparieren lassen, statt sich neue zu kaufen. Das ist eine gute Nachricht, findet Peter Schulz, Geschäftsführer des Zentralverbandes des Deutschen Schuhmacher-Handwerks. Indem die Leute bewusster konsumieren, lernen sie das Alte wieder mehr zu schätzen - und besitzen etwas Bleibendes.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das kennt jeder: Wer hat sich nicht schon mal vor dem Spiegel in einem x-beliebigen Klamottengeschäft eingeredet, er werde das gerade Anprobierte ganz bestimmt ein Leben lang tragen und anschließend natürlich vererben. Als ob man damit den Kaufpreis oder den Besitz des Stückes rechtfertigen müsste. Sobald es dann in der Tüte liegt, sieht es aber doch oft so aus, als hätte Barbara Kruger, eine konsumkritische Künstlerin, ihre Finger im Spiel gehabt. Im Jahr 2002 montierte sie eine ihrer Installationen mit Beschriftung an die Hauswand einer Kaufhof-Filiale auf der Frankfurter Zeil: „Du willst es. Du kaufst es. Du vergisst es.“ So stand es in typischer Kruger-Manier weiß auf rot geschrieben. Es war die Zeit der schnellen Mode, die Leute kauften billige Rüschenhemden und Röhrenhosen an jeder Ecke, und die waren von so schlechter Qualität, dass sie eine entsprechend kurze Lebensdauer hatten.

          Wer hätte vor zehn Jahren daran gedacht, seinen Föhn reparieren zu lassen? Oder seine Mikrowelle? Seit einiger Zeit aber ändert sich die Stimmung. Man kauft im Bioladen ein, trennt Müll und kapiert dabei auch, dass man das, was man vor wenigen Monaten auf die Schnelle gekauft hat, schon jetzt nicht mehr trägt. Wenn das Stück aus einem besseren Stoff wäre, es einen Reißverschluss hätte, der nicht klemmt, oder eine Schuhsohle, die nicht nur geklebt, sondern auch genagelt wäre, sähe es vielleicht anders aus. Für den defekten Föhn oder die Mikrowelle gibt es in Holland schon heute die Repair Cafés, die mehrmals im Monat an verschiedenen Orten ihre Zelte aufschlagen und dann mit Anfragen überrannt werden. Nun beginnen die Leute, auch Mode bewusster zu konsumieren und das, woran sie hängen, zu reparieren, umzunähen oder das Alte in etwas Neues zu verwandeln.

          Die Retterinnen der Handtaschen

          Elisabeth Prantner hilft dabei. Sie ist eine große Frau mit zerzausten Haaren und verrückten Ideen. Um das, was sie tut, modisch einzuordnen, sollte man zuvor daran denken, dass ökologisch nachhaltige Mode lange Zeit als schäbig galt und heute Lebensart ist. Ihr Veränderungsatelier „Bis es mir vom Leibe fällt“ in Berlin könnte zu dem gehören, was die grüne Mode einmal war, und zu dem werden, was die grüne Mode heute ist. Man würde Prantner zunächst lieber mit der alten Bluse der alten Tante testen, bevor man ihr die eigene Lieblingstasche anvertraut, aus Angst, sie könnte das Stück „mit Schneegestöber“ überziehen wie den Pullover einer anderen Kundin, die dies allerdings ausdrücklich wünschte.

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