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Regenschirme : Immer wenn es regnet

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Degen für den Regen: Auch bei Gene Kelly in „Singin’ in the Rain“ gehört der Regenschirm dazu. Bild: ddp images / United Archives

Ein stabiler Schirm soll ja ganze Länder retten können – oder einfach das eigene Haupt. Eine Kulturgeschichte, die zum Herbst passt.

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          Regenschirme sind so eine Sache: Eigentlich sind sie lästig, man verliert sie laufend, irgendwie gelten sie auch als spießig, und vor allem erinnern sie an verregnete Tage, muffige U-Bahnen und durchnässte Schuhe - daran kann auch das optimistischste Design nichts ändern. Andererseits sind sie natürlich überaus nützlich. Jeder, der auch nur mal ein paar Meter schirmlos durch einen herbstlichen Nieselregen laufen musste, weiß, wie sehr ein banaler Regenschirm zum Objekt aller Sehnsüchte werden kann.

          Dabei begann die Geschichte des Schirmes gar nicht mit dem Versuch, sich vor Nässe zu schützen. Der Urvater aller Regenschirme ist der Sonnenschirm. Schon in den frühen Hochkulturen in China, Mesopotamien und Ägypten schützten sich die Schönen und Reichen mit seiner Hilfe vor Hitze und starker Sonneneinstrahlung. Dementsprechend war der Schirm über Jahrtausende nicht nur ein probates Mittel, Schatten zu spenden, sondern vor allem auch ein Herrschaftssymbol. Kaiser, Könige, Schahs und Pharaonen benutzten ihn, um ihre Machtfülle und Ausnahmestellung zu demonstrieren.

          Nach Europa kam der Schirm in der Antike. Seinen Durchbruch als Gebrauchsgegenstand feierte er jedoch erst im 17. Jahrhundert, als im Süden Europas adlige und bürgerliche Damen begannen, ihren zarten Teint vor allzu vulgärer Bräune zu schützen. Mit der Entwicklung kleinerer und leichterer Gestelle und dem Siegeszug der französischen Mode im 18. Jahrhundert setzte sich dann in ganz Europa das Sonnenschirmchen als neckisches Accessoire für die kokette Dame durch.

          Vom Accessoire zum ständigen Begleiter

          Es überrascht nicht, dass es ein Engländer war, der Londoner Kaufmann und Philanthrop Jonas Hanway, der dem Schirm seine Bedeutung als Regenschutz zuerkannte. Gegen allen anfänglichen Spott machte er den tragbaren Regenschirm zum unentbehrlichen Accessoire für den Gentleman. Zum Erfolg dieser Mode trug nicht unwesentlich das Aufkommen eines neuen Typs junger, modebewusster Männer Ende des 18. Jahrhunderts bei - der Dandys. Selbst als Offiziere auf den Schlachtfeldern der napoleonischen Kriege ließen es sich wahre Dandys nicht nehmen, einen klappbaren Regenschirm bei sich zu führen. Sogar der Herzog von Wellington, der Sieger von Waterloo, hatte stets einen am Sattel - mit verstecktem Degen im Griff.

          Dass die ersten Regenschirme ausschließlich als Modeartikel für den Herrn wahrgenommen wurden, hatte auch mit ihrem nicht unerheblichen Gewicht zu tun. Gefertigt aus Wachstuch, Fischbein und Holz, wog ein solcher Schirm gut und gerne fünf Kilo. Es war wieder ein Engländer, Samuel Fox aus Sheffield, dem der große Durchbruch gelang: 1851 entwickelte er das erste Stahlgestell für Schirme und reduzierte so deren Gewicht erheblich.

          Sie sind kein britisches Monopol: Schirme von Maglia und Oertel.
          Sie sind kein britisches Monopol: Schirme von Maglia und Oertel. : Bild: Rüchel, Dieter

          Seine Hochphase hatte der Regenschirm Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts. Vom Accessoire des Dandys war er zum ständigen Begleiter des arrivierten Herrn geworden. Dies änderte sich mit dem Wandel der Herrenmode in den sechziger Jahren. Zum endgültigen Niedergang der Schirmkultur führten jedoch Massenprodukte aus Fernost, die heute 90 Prozent des Marktes ausmachen, und die Entdeckung des Schirms als ideales Werbemittel. Rainer Gramke, Geschäftsführer des Schirmhandels Oertel aus Stuhr bei Bremen, formuliert es so: „Heutzutage haben wir Schirme, aber wir besitzen sie nicht mehr.“ Das übrigens, so erläutert Gramke weiter, sei auch der Grund dafür, dass wir unsere Schirme regelmäßig liegenlassen: „Wer den Wert eines Gegenstandes kennt, vergisst ihn auch nicht.“

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