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Raf Simons für Jil Sander : Jenseits der Kaschmir-Blazer

Raf Simons ist einfach anders: Ein Damenentwurf für Herbst/Winter 2009... Bild: AFP

Kaum ein Mensch außerhalb der Modewelt kennt ihn, obwohl er einer der einflussreichsten Designer seiner Generation ist. Nun entwickelt Raf Simons die Marke Jil Sander weiter - und kennt die Grenzen eines globalisierten Modehauses.

          Raf Simons arbeitet an einem kompliziert verkreuzten Gewebe. Da war die Schau für sein eigenes Label in Paris am vergangenen Freitag: Mit sauber geschnittenen Herrenanzügen knüpfte er an seine letzte Kollektion an, mit Uniformschnitten an seinen Beginn als Designer. Da war die Schau für die Marke Jil Sander wenige Tage zuvor: Mit Drucken aus Zeichnungen des japanischen Künstlers Tsugoharu Foujita und mit federleichten Stoffen ließ er die vor fünf Jahren von ihrer minimalistischen Gründerin verlassene Marke weiter in die Zukunft flattern. Und da ist dieser ernste Mann von 41 Jahren in einem Showroom in Paris, dessen höfliche Zurückhaltung in spürbarem Gegensatz steht zu seinen entschiedenen Ansichten.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Raf Simons also, den kaum ein Mensch außerhalb der Modewelt kennt, obwohl er einer der zwei oder drei einflussreichsten Designer seiner Generation ist, nimmt viele Fäden auf und verknüpft sie mit den Interessen des in Popkultur, Architektur, Industriedesign und Mode geschulten Künstlers. Aber er weiß auch, und die auf Äußerlichkeiten fixierte Modewelt vergisst diese Innereien leicht, wie man eine Marke als Creative Director zu führen hat, die sich so radikal globalisiert hat wie kaum eine andere - mit deutscher Herkunft, japanischem Eigentümer, italienischem Management, belgischem Designer und internationaler Klientel.

          Sein Leben ist eine einzige Flucht nach vorn

          In seinem biographischen Hintergrund nach der Klarheit seiner Gedanken und der Modernität seiner Entwürfe zu suchen - das führt nicht so recht weiter. Aus der Provinz flüchtete er nach vorn, ließ die eigentlich so bilderreiche Tradition des Katholizismus seiner Oberschule ebenso hinter sich wie die Enge des belgisch-deutschen Grenzgebiets, in das ihn seine Geburt am 12. Januar 1968 geworfen hatte, im Sternzeichen des für seine Sturheit bekannten Steinbocks. Wie seine Vorwegnahme der engen Hédi-Slimane-Hosen in den Neunzigern bewies, war er auf seiner Reise durch die Herrenmode sogar der Avantgarde zu schnell. Und vielleicht ist er auch auf der Jil-Sander-Tour, seiner bisher wichtigsten, ein paar Leuten voraus.

          ...ein Herrenentwurf für Frühjahr/Sommer 2010

          Sein Gewebe ist mehr als nur die Summe der Fäden. Aber Raf Simons spricht auch nicht nur mit all den Sub-, Meta- und Paratexten der Textilien - er kann auch Klartext. Und das hängt dann doch wieder mit der Antwerpener Schule zusammen, in der er nicht nur das Nähen lernte. Mit 15 Jahren wusste er, dass er der Einfalt der Limburger katholischen Schule und der vorgezeichneten Karriere als Anwalt oder Arzt nur durch einen kreativen Beruf entkommen konnte: „Ich muss mich anstrengen, damit ich hier rauskomme.“ Mit 17 Jahren fiel ihm ein Berufsberatungsbuch in die Hand, das ganz hinten auch Architekten und Designer beschrieb - so dass er wirklich in Genk Design studierte.

          Er muss nicht studieren

          Mit 21 Jahren ging er zum Praktikum statt ins Industriedesign zu Walter van Beirendonck, dem abgedrehten Designer, der als Lehrer auch heute noch an der Königlichen Akademie der Schönen Künste in Antwerpen die Modestudenten mitreißt. Und mit 23 Jahren sagte ihm Linda Loppa, die legendäre Leiterin der Akademie, dass er dort gar nicht erst studieren müsse - und schickte ihn zu ihrem Vater, dem Schneidermeister Renzo Loppa, der ihn beim Aufbau seiner eigenen Marke unterstützte. Ja, sagt Simons, von Antwerpen sei er stark beeinflusst.

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