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Psychologie der Handtasche : „Ein Universum der Emotionen“

  • Aktualisiert am

Jean-Claude Kaufmann lehrt am Centre National de la Recherche Scientifique der Sorbonne. Bild: Literaturtest

Jean-Claude Kaufmann macht der Geheimniskrämerei ein Ende: Im Interview plaudert der Soziologe über seine Studie zum Inhalt von Handtaschen. Dabei stößt er auf Chilipulver, falsche Zähne und die Sehnsucht nach der zweiten Jugend.

          Herr Prof. Kaufmann, Sie haben ein Buch über Handtaschen geschrieben. Darin spielt auch die Beziehung eine große Rolle, die Frauen zum Inhalt ihrer Handtaschen haben. Gleich zu Beginn ein Test: Warum trägt die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton stets ein bisschen Chilipulver mit sich herum?

          Nun, trotz der vielen Eindrücke, die sie auf ihren Reisen gewinnt, möchte sie kulinarisch wohl bei einem Geschmack bleiben. Allgemein ist es aber so, dass Politikerfrauen eher ungern mit der Tasche in der Hand gesehen oder fotografiert werden. Zum Beispiel Angela Merkel, sie trägt selten eine Handtasche.

          Doch. Man sieht sie öfters mit einer orangefarbenen Longchamp-Tasche.

          In Ordnung. Aber prinzipiell steht die Handtasche für Weiblichkeit. Und die Frau der Politik ist zunächst immer noch ein Mann der Politik. Deshalb ist das mit der Handtasche etwas problematisch. Diese Frauen lassen ihre Taschen oft bei den Leibwächtern im Auto liegen.

          Aber vor Margaret Thatchers Handtasche und deren Inhalt hatten manche Leute doch schon damals Angst.

          Ja, aber da ging es vor allem um die Überraschung. Der Inhalt einer Handtasche ist für Außenstehende ein kleines Geheimnis. Er sagt einiges über die Person aus, besonders über ihre Schwachstellen. Deshalb haben es Frauen auch nicht so gerne, wenn man ihnen in ihre Taschen schaut.

          Eine Handtasche, die Margaret Thatcher 30 Jahre lang benutzte, wurde 2011 bei Christie’s versteigert.

          Wie haben die Frauen reagiert, denen Sie in die Handtaschen geschaut haben?

          Die waren sehr offen. Insgesamt habe ich mit fast hundert Frauen gesprochen.

          Darunter war keine Hillary, sondern es waren ganz normale Frauen, namens Isabelle, Nina oder Nora.

          Nein, Politikerfrauen hätten wohl keine Lust gehabt, mit mir über ihre Handtaschen zu sprechen.

          Was hat man Ihnen erzählt?

          Geschichten, aus denen man schließen kann, dass das Innere einer Handtasche auch ein Universum der Emotionen ist. Zum Beispiel hat eine Frau mal ein Gebiss in ihrer Handtasche gefunden. Später stellte sich heraus, dass es ihrem Schwiegervater gehörte. Der alte Mann musste zum Essen immer seine Dritten herausnehmen, und wenn er unterwegs war, verstaute er sie in der Zwischenzeit in der Handtasche seiner Frau. Bis er eines Tages deren Tasche mit der seiner Schwiegertochter verwechselte.

          In Ihrem Buch schreiben Sie auch, dass die Taschen vieler Frauen mit steigendem Lebensalter leichter werden und damit eine Sehnsucht nach Jugend symbolisieren. Das müssen Sie erklären.

          Denken Sie mal an das vorige Jahrhundert. Da war eine Frau um die fünfzig tot. Und wenn man nicht schon gestorben war, dann galt man als sehr alt. Eins der wichtigsten Phänomene unserer heutigen Gesellschaft ist, dass man in diesem Alter nun als jung gilt. Man selbst mag älter werden, aber der Körper bleibt im Vergleich dazu jünger. Man arbeitet noch, treibt Sport, und wenn man dann irgendwann aufhört zu arbeiten, hat man diese ganze Freizeit für sich. Das fühlt sich wie eine zweite Jugend an. Abgesehen von der Mode der großen Taschen brauchen junge Frauen unterwegs ja verhältnismäßig wenig. Ähnlich geht es Frauen, die im Ruhestand sind, die nichts mehr für ihre Kinder oder die Arbeit mit sich herumtragen.

          Sie selbst sind 64 Jahre alt. Wie sieht es in Ihrer eigenen Tasche aus?

          Nun, ich bin ein Mann, und Männer tragen ja seltener Handtaschen. Ich habe immer eine Aktentasche bei mir, für meinen Laptop, ein paar Hefte und ein paar geheime Ecken, so wie man sie in jeder richtigen Handtasche finden würde.

          Die Fragen stellte Jennifer Wiebking.

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