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Prêt-à-porter Paris : Vorwärts in die Vergangenheit

Cat-Couture bei Gaultier Bild: AP

Auf der Suche nach dem Kern der Mode: Das Prêt-à-porter orientiert sich in Paris an rückwärtsgewandter Romantik, zukunftsfrohen Sechzigern und holt sich tierische Verstärkung auf den Laufsteg.

          Am Ende lief John Galliano („Designer ABC“: G wie Galliano) mit dem Kopf gegen die Wand. Die Zuschauer hatten am Karnevalsdienstag eine narrenreife Schau gesehen, hatten sich geärgert über Gallianos seltsamen Gothic-Saloon-Style, hatten sich gewundert über die nur leicht getönte Plexiglaswand am Beginn des Laufstegs, die von den Models umkurvt wurde, obwohl sie durch ihre dunklen Brillen kaum etwas erkennen konnten. Dann ging es zum Finale. John Galliano kam aus dem Hintergrund des Grand Palais geschritten, umging die erste Plastikwand, knallte dann aber in voller Fahrt gegen die nächste. Mit dem Transparenten hat die Mode eben neuerdings ihre Probleme: Der See-through-Look kann gefährlich werden.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Und das galt zuallererst für Gallianos Dior-Kollektion, die als einer der ersten Höhepunkte der Prêt-à-porter-Schauen mit den Kollektionen für Herbst und Winter gedacht war. Galliano, der für dieses Frühjahr noch den richtigen Ton angeschlagen hatte, nämlich ein sanftes Nude, das die kommenden Monate neben dem allgegenwärtigen Weiß bestimmen wird, wollte wohl auch dieses Mal im Trend liegen. Der New Yorker Modeberater Robert Burke machte sich auf dem Laufsteg vor der Schau noch Gedanken darüber, daß die amerikanische Kundin den allzu offenherzigen Auftritt nicht schätze, daß man wenig Haut zeigen werde, daß man Details und Volumen brauche, um nicht in schwarzer Farbe unterzugehen - da machte sich hinter der Bühne schon alles bereit, genau diese Mode zu zeigen und doch danebenzuliegen. Denn die Degrade-Effekte, also die Versuche, Boucle und Chiffon, Wolle und Organza, Lurex und Taft zusammenzustellen, auf daß „Gothic Chic“ entstehe, führten zu einem verwirrenden Durcheinander düster-romantisch-vulgärer Zottelpelzmädchen, die mit ihren dicken Sonnenbrillen noch weniger als der Designer selbst wußten, wohin die modische Reise eigentlich geht.

          Vor Erfolg ist niemand sicher

          Egal wohin - Erfolg wird es haben. In der Luxusindustrie kann man zur Zeit nicht gegen unsichtbare Wände laufen. So stimmen bei den großen Marken von Prada („Designer ABC“: P wie Prada) über Gucci und Tod's bis Hermes die Zahlen. So baut Tom Ford („Designer ABC“: F wie Ford), wie diese Woche bekanntwurde, seine Herrenmode-Linie mit Zegna („Designer ABC“: Z wie Zegna) auf und wird im Herbst seinen ersten Laden an der Madison Avenue in Manhattan eröffnen, dem in den nächsten Jahren Geschäfte in Mailand, London, Los Angeles und Tokio folgen sollen. So wurden in Paris allein in den letzten Monaten ein großer Nike-Laden an den Champs-Elysees, die ersten Geschäfte der türkischen Designerin Ece Ege (Dice Kayek) sowie der in New York berühmt gewordenen Französin Catherine Malandrino und an der Avenue Montaigne der Montaigne Market, eine dritte Pariser Chloe-Boutique und ein zweiter Bottega-Veneta-Laden eröffnet. Die gute Stimmung überträgt sich auch auf die Schauen, wo sich wieder Hunderte von Modestudenten - unter ihnen viele Berliner Nachwuchsdesigner - auf die Stehplätze zu schmuggeln versuchen.

          Cat-Couture bei Gaultier Bilderstrecke

          Vor Erfolg ist niemand sicher. Selbst Jil Sander („Designer ABC“) wird durch den Verkauf an britische Investoren zum möglichen Gewinnbringer. Am besten gelaunt angesichts der neuen Bewegung und der schönen Margen im Luxusmarkt sind die Spezialisten für Mergers & Acquisitions, also die Übernahmen großer Unternehmen. Denn Jil Sander, wo sich sogar Designer Raf Simons auf die neue Zusammenarbeit freut, könnte ein Beispiel werden für weitere Käufe. Viele Gründe für das Wachstum der Marken und die Phantasien der Markenmanager sitzen mittlerweile ganz vorn am Laufsteg: die Chinesen. Früher kamen sie einzeln, heute stellen sie gleich reihenweise die althergebrachten Sitzordnungen in Frage. Didier Grumbach, Präsident der Federation Francaise de la Couture, du Prêt-à-porter des Couturiers et des Createurs de Mode, kündigt an, daß im Herbst erstmals auch zwei chinesische Designer auf dem offiziellen Schauen-Kalender zu finden sein werden. „Aber das ist normal“, meint er, sichtlich um Normalität bemüht, „denn wir arbeiten alle mit China zusammen.“ Bisher allerdings verkaufte man vor allem dorthin - in Zukunft wird man öfter auch von dort kaufen.

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