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Prêt-à-Porter in Paris : Mode als Gegengift

Für seine Verhältnisse ist die Kollektion von John Galliano für Dior geradezu zivil. Kurze Kleider in vielen Farben Bild: ©Helmut Fricke

Bei den Prêt-à-porter-Schauen in Paris zeigen die Designer heitere Frühjahrsmode für 2009. Aber die Folgen der Finanzkrise treffen nun auch die Modehäuser - obwohl man sich noch optimistisch gibt.

          Mit einem solchen Kommentar kann sich das italienische Juwelenhaus Bulgari gut schmücken. Die Schauspielerin Milla Jovovich lehnt sich über die Vitrine mit dem millionenschweren Klunker und teilt verzückt mit: "Ich fühle mich so wohl in Bling! Am liebsten würde ich zu Hause nur Schmuck und High Heels tragen - meinem Freund würde es gefallen."

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Der 330-Karat-Smaragd, aus den Archiven des Hauses ins Licht der Geschäftseröffnung an der Pariser Avenue George V geholt, zeigt sich ungerührt: Sanft ruht das Stück aus dem Jahr 1970 in Gelbgold unter dickem Glas. Aber Bulgari-Chef Francesco Trapani ist von seinem Star begeistert. Samt Gattin und gelber Krawatte lässt er sich mit der Schauspielerin ins rechte Kameralicht rücken: Bling? Bingo! Klick!

          „Wenn es der Wirtschaft schlecht geht, braucht man Mode“

          Eine doppelbödige Szene - nicht nur wegen des schulterfreien Kleids, das zu Jovovichs breiter Rückenpartie nicht passen will. Auch wegen Trapanis Worten zur Lage des Luxus in Zeiten der Krise: "Es wird das schwerste Weihnachten seit 2001", sagt der Chef des römischen Schmuckunternehmens, das in dem neu eröffneten Shop gegenüber von Louis Vuitton, Hermès und Armani nun auch Handtaschen, Sonnenbrillen, Krawatten und Schals anbietet. Der Verkauf in Amerika und Europa laufe schwächer, die Kostenkontrolle werde wichtiger, und Anzeigen in den einschlägigen Magazinen wolle er im letzten Quartal des Jahres auch nicht mehr so zahlreich schalten, weil es nicht in die Zeit passe, so Trapani. Angesichts solcher Worte muss man in der gebeugten Alten mit ihrem speckigen Trolley, die vor dem Eingang um ein paar Cent bettelt, die Vorbotin schleichenden Verfalls erkennen.

          Etwas gewagter ist diese Bluse des italienischen Designers Stefano Pilati für das Haus Yves Saint Laurent

          So klar wie Trapani redet kaum jemand in dieser Woche in Paris, wo mehr als einhundert Prêt-à-porter-Schauen sowie zahlreiche Präsentationen und Geschäftseröffnungen das reiche Publikum in aller Welt begeistern sollen. Die meisten Modemanager und Einzelhändler beschwören die Kauflust der Kundin und das Renommee der teuren Marken. Karl Lagerfeld zum Beispiel reagiert ungerührt auf die größte Finanzkrise seit Jahrzehnten (siehe Interview). Der neue Boss-Chef Claus-Dietrich Lahrs, der nur dreihundert Meter von Bulgari entfernt an den Champs-Elysées seine Linie Hugo feiern lässt, vertraut auf das "faire Angebot" seiner Marke. Das Berliner Luxusmodegeschäft "The Corner" hat am Samstag vorvergangener Woche, als die Investmentbank Lehman Brothers zusammengebrochen war und die Börsen bebten, so viel Umsatz gemacht wie noch nie zuvor. Und der Präsident der Pariser Modekammer, Didier Grumbach, gibt die Devise aus: "Gerade wenn es der Wirtschaft schlecht geht, braucht man die Mode - als Gegengift."

          Mit langen Gesichtern

          Gute Laune verbreitet die Mode für das kommende Frühjahr im Übermaß - sofern sie nicht von schwermütigen Japanern wie Rei Kawakubo oder Yohji Yamamoto stammt. Bei Dior schneidert John Galliano die Liebe der Achtziger zum Leder vom Fetisch zur Fashion um. Bei Akris zeigt Albert Kriemler nach der streng-architektonischen Winterkollektion nun herrliche Blumendrucke. Bei Stella McCartney sind die Farben so sanft, als ob der Frühling schon ausgebrochen wäre. Und bei der Präsentation von Loewe spielt die Regie "La vie en rose" ein. Die Reichen, die Schönen und die Journalisten heben lachend die Champagnerkelche: "Auf die Krise!"

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