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Pariser Prêt-à-Porter : Neues aus der Mottenkiste

Bei Chanel trägt die Dame wieder Hut Bild: dpa

In Zeiten der Krise besinnt sich das Prêt-à-porter auf die Pioniere: Yves Saint Laurent, Chanel, Dior, Givenchy. Selten hat die Mode so tief in die Mottenkiste gegriffen - und selten kam so viel Neues dabei heraus.

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          Es ist die erste Schau, die sich Loulou de la Falaise seit dem Tod von Yves Saint Laurent antut - und sie ist angetan. Betty Catroux ist sogar rundheraus begeistert: „Ich liebe Leder und jungenhafte Kleidung. Deshalb fand ich alles wundervoll.“ Zwei ältere Damen schwärmen gern mal von der Mode. Aber wenn diese beiden Pariserinnen in ihren zweitbesten Jahren die Yves-Saint-Laurent-Kollektion gutheißen, dann muss Stefano Pilati wirklich ein schönes Bild vom kommenden Herbst und Winter gemalt haben. Denn Betty Catroux und Loulou de la Falaise waren die wichtigsten Musen Yves Saint Laurents. Und wer huldigt schon dem Nachnachnachfolger eines Genies?

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Seit Montag abend kommt kaum jemand darum herum. Denn Stefano Pilati, 1965 geboren, in Mailand aufgewachsen und seit 2004 Chefdesigner des französischen Modehauses, hat im Palais de Tokyo eine der schönsten Kollektionen der seit dem vergangenen Donnerstag laufenden Prêt-à-porter-Woche gezeigt. Dabei konzentriert er sich auf die YSL-Geschichte, die genug androgyne Entwürfe vom Smoking bis zur Lederjacke für Frauen bereithält. Aber die harten Kanten des Nappaleders, die Strenge der Pinstripe-Flanellanzüge, die in der Autoindustrie erprobten technoiden Heißformtechniken für skulpturale Effekte kontrastiert er mit wunderbar aufgebauschten weißen Popeline-Hemden, mit abgerundet-dominanten Schultern und mit Farben, die von Schwarz und Grau und Weiß doch noch in Kürbis-, Anis- und Jadetöne gleiten. Fast scheint es, als wäre der alte Meister, der am 1. Juni vergangenen Jahres verstorben ist, eigens für diese Schau wieder auferstanden. Zumindest aber hat er wohlwollend aus dem Modehimmel auf sein Werk herabgeblickt.

          Stefano Pilati: Zurück zu den Grundlagen

          Denn Stefano Pilati hat den Stil eines Modehauses modernisiert, das in seinen besten Zeiten höhere Eleganz und zeitgemäße Tragbarkeit verband. Geschäftsführerin Valerie Hermann, die mit der zum PPR-Konzern gehörenden Marke gerade die Ertragsschwelle überschritten hat und zur Feier des Tages eines der schwarzen Lederkleider aus der Vorkollektion trägt, sagt es kurz: „Wir gehen zurück zu den Grundlagen.“ Und damit liegt Yves Saint Laurent gleich auf einer weiteren Ebene im Trend: In Zeiten der Krise besinnt man sich auf die Vorgänger, die Pioniere, die Klassiker. Selten hat die Mode so tief in die Mottenkiste gegriffen - und selten kam so viel Neues dabei heraus.

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          Das Prêt-à-porter ist dieses Mal auch eine Nachhilfewoche in Kostümgeschichte: John Galliano (Dior) bedient sich bei Paul Poiret, der schon vor 100 Jahren die Frau vom Korsett befreite und fließende Kleider erfand. Albert Kriemler (Akris) dachte bei den Kollektionsvorbereitungen an den amerikanischen Couturier Mainbocher, der gleich zwei Kriege überstand und ausgerechnet im Krisenjahr 1929 sein Modehaus an der Avenue George V eröffnete. Riccardo Tisci (Givenchy) ging ganz weit zurück zu Hubert de Givenchys Anfängen. Alber Elbaz (Lanvin) ruft Jeanne Lanvin in einem Interview zum 100. Geburtstag des Modehauses in den Himmel zu: „Ich liebe Dich!“ Und bei Valentino war Alessandra Facchinetti im Oktober nach nur zwei Saisons entlassen worden, weil sie sich nicht strikt an der Geschichte des Hauses ausrichtete. Die neuen Chefdesigner Maria Grazia Chiuri und Pier Paolo Piccioli, die schon Assistenten Valentinos waren, haben es am Dienstag wieder brav in der Manier der einstigen Legende und des heutigen Ruheständlers gestaltet, frei nach dem Motto: Früher war alles besser.

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