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Pariser Prêt-à-Porter : Neues aus der Mottenkiste

Die Orientierung an den Alten fing schon vor Beginn der Modewoche an. Die französische „Vogue“, Zentralorgan der Pariser Mode, widmet die März-Ausgabe Coco Chanel. „Ihr gesunder Menschenverstand, ihre Kühnheit und ihr Ehrgeiz machen sie zu einer Heldin“, schreibt Chefredakteurin Carine Roitfeld über die Modemacherin, die in ihrem Reich über der Rue Cambon durchaus schnoddrig und schnörkellos herrschte. Und Karl Lagerfeld, über dessen Ateliertür der Satz „Kreativität ist nicht demokratisch“ die Traditionslinie weiterführt, macht gleich weiter mit der Heldenverehrung. Im Steidl-Verlag erscheint im Mai ein Bildband des Fotografen Douglas Kirkland über Mademoiselle, zu dem Lagerfeld das Vorwort schreibt. Und in seiner Chanel-Kollektion vom Dienstag nimmt er wichtige Teile der Tradition wie die Tweed-Twinsets, das kleine Schwarze und sogar die Hüte, mit denen Coco Chanel, die vor 99 Jahren ihr erstes Hutatelier in der Rue Cambon eröffnete, ihre Karriere als Modemacherin begonnen hatte.

Bei Lagerfeld sind die übergroßen Hüte mit schmaler Krempe aus Grobstrick, die Jacke zur Not auch mal in mattem Jadeton oder leichtem Rosé und die schwarzen Kleider mit abnehmbaren Pluster-Manschetten aufgehübscht, mit Plastrons aus plissiertem Mousselin oder Applikationen aus blumenbesticktem Tüll. So ganz dem Grundsatz von Mademoiselle, die Einfachheit gegen die Überfülle der Belle Epoque zu stellen, blieb Lagerfeld nicht treu: Die Halskrause nach spanischer Manier könnte den Damen die Luft zum Atmen rauben.

Schiffer und Moss angetan

Claudia Schiffer und Kate Moss, die in der ersten Reihe saßen, waren jedenfalls angetan. Sie haben ohnehin einen guten Lauf und bestätigen die These, dass nicht nur in der Mode, sondern auch bei den Models die Klassik im Trend liegt. Denn all den Sechzehnjährigen, die auf den Laufstegen für Dumpingpreise ihrer Zukunft hinterher rennen, nehmen nun die Alten die gut dotierten Werbe-Jobs weg. Moss (Versace, Stella McCartney), Schiffer (Yves Saint Laurent, Ferragamo) und Christy Turlington (Escada, Bally) sind nur einige Beispiele für wiederbelebte Supermodels, die in Zeiten trashiger Casting-Shows und der Dominanz osteuropäischer Mädchen mit unaussprechbaren Namen an die guten alten Zeiten erinnern.

Aus ähnlichen Gründen schauen auch die Modemacher zurück: Man hält sich ans Bewährte, wenn die Gegenwart unübersichtlich ist; man bringt modernisierte Basics aus Urzeiten auf den Markt, weil man Überfülle und Dekadenz wegen der Krise scheut; und nicht zuletzt nutzt man die alten Namen und Gesichter für den billigen Werbe-Effekt in Zeiten schrumpfender Anzeigenbudgets.

Riccardo Tisci: komplizierte Drapierungen

So heil wie damals soll die Welt, bitte, wieder werden. Aber passt es heute auch immer? Riccardo Tisci zum Beispiel bleibt für Givenchy mit komplizierten Drapierungen und dominantem Schwarz ganz bei sich - schon mit seiner eigenen Marke hing er dem Gothic-Stil an. Vor vier Jahren kam er zu Givenchy und mischt seitdem ziemlich souverän Konzeptkunst mit zeitgemäßem Stil. In seiner Winterkollektion nun greift er mit asymmetrischem Diana-Dekolleté sowie blauen Schulterpolstern, die wie Epauletten unterm Spitzenkleid auf den Schultern sitzen, auf Elsa Schiaparelli zurück, die Lehrmeisterin des Markengründers Hubert de Givenchy. So feiert die surrealistische Mode auf geradezu surreale Weise in der Krise ihre Wiederentdeckung. „Diese Epoche war romantischer“, sagt Tisci backstage zur Begründung für seine historischen Exkursionen. Klingt gut. Aber einige Einzelhändler interpretieren die Kollektion nüchterner: „Zu kompliziert.“ Ist die Gegenwart nicht so einfach, will man eben nicht auch noch die Vergangenheit verstehen müssen.

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