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Pariser Modewoche : Träumen von Säumen

Mit Lasercuts auf Pastell und Schwarz ist die Kollektion des Berliner Designer-Duos Kaviar Gauche tragbar, ohne langweilig zu wirken Bild: Helmut Fricke

Nach mehr als 100 Modeschauen in acht Tagen geht die Pariser Fashion Week an diesem Mittwoch zu Ende. Dort sucht das Prêt-à-porter nach neuen Wegen - und gibt sich überraschend nahbar.

          Bei diesem Defilee darf man auch Popcorn essen. Die Models tragen zur Abendgarderobe flache Schnürschuhe, die Seidenvolants fransen an den offenen Säumen aus, und die Reißverschlusszähne der Handtaschen klaffen auseinander. Dazwischen bedient sich Catherine Deneuve in Reihe eins bei Lanvin beherzt an einer Schachtel Popcorn. Mit jedem federleichten Crunch verwischt Alber Elbaz, der Chefdesigner von Lanvin, die Grenzen von Tag und Nacht auf dem Laufsteg. Zum Klatschen stellt Deneuve am Ende sogar die Popcorn-Schachtel beiseite.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Mehr als 100 Schauen versuchen in acht Tagen Prêt-à-porter bis diesen Mittwoch, spannend zu sein wie ein Popcorn-Blockbuster im Kino. Wie kann der Mode das gelingen, kreativ zu wirken und zugleich erfolgreich zu wirtschaften? Das wird sich Alexander Wang, der neue Designer von Balenciaga, bei seinen Konferenzen mit Merchandising, Handtaschen-Abteilung und CEO Isabelle Guichot auch öfter gefragt haben. Seine Antwort ist eingewebt in gefällige kurze Jacken und rasiermesserscharfe Linienführung, die an Cristóbal Balenciaga erinnert. Modisch stürmt er in seiner ersten Kollektion nicht so schnell voran wie sein Vorgänger Nicolas Ghesquière – geschäftlich wird er wohl erfolgreicher sein.

          Auch Raf Simons, nun mit seiner zweiten Pret-à-porter-Kollektion für Dior, orientiert sich am Gründer des Hauses. Er haucht den Ideen von Christian Dior – der Bar-Jacke, der Wespentaille, den Blumenstickereien – neues Leben ein. Die „memory dresses“ mit Zeichnungen von Andy Warhol aus den fünfziger Jahren sind so etwas wie Sammelalben aus Ideen von gestern und heute. Schon deshalb werden sie in den neuen Märkten gut ankommen, bei Kundinnen, die von Dior-Entwürfen des vergangenen Jahrhunderts nur träumen konnten und sie heute kaufen können. Die Araberinnen sitzen jedenfalls mit Dior-Handtaschen und Kameras in der Schau am Invalidendom. Die Bilder speichern sie in der Kamera und im Kopf ab.

          „Erholung von den Oscars“

          Was für Bilder werden ihnen dagegen von Saint Laurent in Erinnerung bleiben? Mädchen mit Laissez-faire-Haaren in Leder-Miniröcken und Smokingjacke? Holzfällerhemden aus dickem Flanell mit großem Karo? Ein zweireihiger Kurzmantel mit einem Nichts aus Chiffon darunter? Mit High-und-Low-Gegensätzen will Hedi Slimane in seiner zweiten Damen-Kollektion für das Haus provozieren. Es sieht aber nur aus wie ein Dagegen, nicht wie ein Dafür. Übergroße Erwartungen zu unterlaufen ist gut. Aber was, wenn da außer einem rockigen Lebensgefühl aus imaginierten siebziger Jahren einfach nur – nichts ist?

          Hedi Slimane vertraut für Saint Laurent auf die Wirkung von Vintage Bilderstrecke

          Auch hier Catherine Deneuve in der ersten Reihe, und in einigen Referenzen auf den Film „Belle de Jour“ erscheint sie sogar auf dem Laufsteg. Neben ihr Pierre Bergé, jahrzehntelang Yves Saint Laurents Partner. Über Hedi Slimane sagt er gravitätisch: „Er hat die Kultur von Yves Saint Laurent in sich aufgenommen.“ Mag sein. Vielleicht spürt man es sogar. Aber man sieht es nicht.

          Ganz anders wiederum der Morgen danach, der Dienstag. In der ersten Chanel-Reihe Jessica Chastain, frisch aus Hollywood. „Das hier ist so etwas wie meine Erholung von den Oscars und von meiner Broadway-Show.“ Fünf Schauen hat sie in dieser Woche schon gesehen. „Aber ich suche keine Abendkleider. Ich bin hier jetzt in Urlaub!“ Und sozusagen auf Weltreise, denn im Grand Palais steht eine fast 20 Meter hohe Weltkugel, die sich langsam in Laufrichtung der Models dreht und den Zuschauer mit auf eine Reise nimmt. Für jede Chanel-Boutique auf der Welt ein Fähnchen: Südkorea, Japan, Frankreich, Florida, Ost- und Westküste sind vollgesteckt – nur Afrika ist ein schwarzer Kontinent. „Aber in Südafrika sind wir immerhin in Läden vertreten“, sagt Chefdesigner Karl Lagerfeld nach der Schau. Vor 100 Jahren habe Coco Chanel ihren ersten Laden eröffnet. „Und jetzt wollten wir mal zeigen, wie global wir inzwischen sind mit rund 300 Boutiquen überall.“

          Ein Duft kann auch die Kreativität verduften lassen

          Von globalem Anspruch ist auch die Kollektion, mit einer Fülle an Looks vom etwas weiter gedachten klassischen Tweedkostüm bis zum operntauglichen Chiffonkleid. In der dominanten Farbe Schwarz und den kurzen Röcken Yves Saint Laurents gar nicht unähnlich, aber mit einem weit größeren Ausdrucksspektrum. Und natürlich immer wieder mit Rückgriff auf Coco Chanel, ihren pragmatischen Ansatz, ihre scharfen Scherze und ihre burschikosen Schnitte.

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