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Pariser Modewoche : Mehr Robin Hood als Christian Dior

  • -Aktualisiert am

Die Schau selbst ist romantisch-düster Bild: REUTERS

Die Modeleute können es noch immer nicht fassen: Gallianos letzte Dior-Schau findet ohne John Galliano statt! Entsprechend hoch schlagen die Gefühle im Schatten des Invalidendoms. Die Schau selbst ist dann romantisch-düster.

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          Vor dem Rodin-Museum schlagen die Gefühle hoch. Freitagnachmittag im Schatten des Invalidendoms im siebten Pariser Bezirk: Draußen drängeln die Leute, die dringend in die Dior-Schau wollen, drinnen wartet eine gläsern-vereiste Kulisse, die von zwei Kristall-Lüstern gekrönt wird. Eisige Atmosphäre, wie im Hause Dior in den letzten Tagen. Eine Fernsehreporterin ruft: „Ich brauche Bilder vom Chaos.“ Daran soll es nicht fehlen.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Am Donnerstag vor einer Woche hatte Dior-Chefdesigner John Galliano ein Paar im Café „La Perle“ angeblich antisemitisch beschimpft. Am Wochenende wurden weitere Ausfälle in trunkenem Zustand bekannt. Am Dienstag wurde er nach gut 14 Jahren im Dienste des Modehauses entlassen. Nun soll er in einer Entzugsklinik in Arizona sein. Bald kommt er in Paris vor Gericht. Heute wird seine letzte Kollektion für Dior gezeigt, ohne ihn.

          „Wir alle lieben ihn, und wir sollten ihn bedauern“

          Die Modeleute können es noch immer nicht fassen. Fotograf Mario Testino meint mit peruanisch gedehntem Vokal: „Very saaad!“ André Leon Talley, der Zwei-Meter-und-drei-Zentner-Mann der amerikanischen „Vogue“, sagt: „Wir alle lieben ihn, und wir sollten ihn bedauern. Seine Äußerungen sind unverzeihlich, aber wir sind alle nur Menschen.“

          Leichte Chiffonkleidchen mit Volants - eine schöne Kollektion

          Die Frage, wer Nachfolger bei Dior werden könnte, der belgische Frauenversteher Haider Ackermann oder der italienische Givenchy-Revolutionär Riccardo Tisci, würgt er ab: „Darüber kann ich jetzt wirklich nicht nachdenken.“ Und Hilary Alexander, Berichterstatterin des „Daily Telegraph“ und Grand Old Schachtel des britischen Mode-Journalismus, redet über „das schäbige Ende einer großen Karriere“. Dann weint sie und flüchtet auf ihren Platz in der ersten Reihe, zu Anna Wintour und Suzy Menkes.

          Samt, Kaschmir, Chiffon, Leder, Pelz und Wildleder

          Da liegt schon der Zettel mit der Kollektionsbeschreibung. Layering-Silhouetten sind angekündigt, die an den Dandyismus der romantischen englischen Dichter erinnern sollen, also an Lord Byron, Percy B. Shelley, John Keats. Ein typisches Galliano-Thema, fast ein Kommentar zu seinen Ausfällen. Denn wer gegen Aufklärung, Vernunft und Zivilisation angeht, wer seine subjektive Sicht der Dinge dichterisch überhöht und der wohlerzogenen Erwachsenenwelt vorzieht - der könnte es vielleicht sogar mit 1,01 Promille Alkohol im Blut fertigbringen, Unsinn über ziemlich heikle Themen zu erzählen.

          Vielleicht ist das auch schon zu weit gedacht. Denn hier geht es um Maxi-Capes, um Mäntel und um Knickerbocker, die ihren Ursprung ebenfalls zu romantischen Zeiten hatten. Für den Tag sind Samt, Kaschmir, Chiffon, Leder, Pelz, Wildleder angekündigt, für den Abend Spitze, Tüll, Federn.

          Er liest vom Blatt ab - und wirkt nicht erschüttert

          Es ist schon Viertel nach drei, das Zelt im Museumsgarten ist proppenvoll, die Stimmung gedrückt wie vor der Schau aus dem Nachlass Alexander McQueens nach dessen Selbstmord. Da tritt Sidney Toledano auf den Laufsteg, Dior-Chef und jüdischen Glaubens. Er spricht von nicht akzeptablen Worten, von der Schwester Christian Diors, die nach Buchenwald deportiert wurde, wie schmerzhaft es sei, dass Dior mit solchen Äußerungen seines Designers, „wie brillant er auch sein mag“, verbunden werde. Den Namen Galliano nimmt er nicht in den Mund. Er liest vom Blatt ab und wirkt eher professionell als erschüttert. Am Ende preist er die Arbeit der Schneiderinnen, „dieser loyalen, hart arbeitenden Leute“.

          Die Schau ist romantisch-düster. Große Capes, dunkler Samt, bodenlange Mäntel, später leichte Chiffonkleidchen mit Volants und Pelzjäckchen. Eine schöne Kollektion. Galliano verabschiedet sich britisch - mehr Robin Hood als Christian Dior. Zum Schluss stehen die Schneiderinnen und Schneider auf der Bühne, im weißen Kittel, mit Tränen in den Augen, und das Publikum springt auf, als wäre Galliano selbst erschienen.

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