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Pariser Modewoche : Die neue Einfachheit zieht Herrenhemden an

Bild: REUTERS

Das Prêt-à-porter bringt teils traditionsgerechte, teils überdekorierte, teils unterkomplexe Mode fürs Frühjahr. Dazwischen hat Alfons Kaiser ein weibliches Role-Model für Moderedakteurinnen ausgemacht: Phoebe Philo von Céline.

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          Es hätte nicht überrascht, wenn Siegfried & Roy aus den Kulissen gestiegen wären. Die dekorativen Plüschtiger auf der Bühne der Louis-Vuitton-Schau, des letzten Höhepunkts der Prêt-à-porter-Defilées für Frühjahr und Sommer 2011, hätten einen schönen Rahmen für die Dressurkünstler und Kitschmagier aus Las Vegas geboten. Aber weit gefehlt. Chefdesigner Marc Jacobs hatte sich auf Camp verlegt, die ästhetizistische Übertreibungsmanier mit popkulturellem Sound und schwulem Überbau. Aus dem roten Samtvorhang trat eine Kollektion auf den freilich nur aus Holz mit Plastiküberzug bestehenden Marmor-Laufsteg, die mehr nach chinesischem Kitsch als nach europäischem Stil aussah.

          Alfons Kaiser
          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Vielleicht hatte Jacobs die Schwierigkeiten seiner ersten schlechten Schau seit Menschengedenken schon geahnt. Denn auf den Plätzen lagen als Motto Susan Sontags Worte aus, nach denen die Beziehung zwischen Langeweile und Camp nicht unterschätzt werden dürften: „Der Camp-Geschmack“, so Sontag, „ist per se nur möglich in der Wohlstandsgesellschaft, in Gesellschaften oder Kreisen, welche die Psychopathologie des Überflusses erfahren.“ Gut gebrüllt, Tiger! Sollte Jacobs also seinen Arbeitgeber, der so gut vom Geldüberfluss lebt wie kaum ein anderes Luxusunternehmen, mit Downtown-Ideologie unterwandern und der herrschenden Klasse die hässliche Fratze des Ennui vom Gesicht ziehen?

          Kitschfarben von Bronze bis Lila

          Nein, ein aufklärerischer Ansatz war nicht zu erkennen, ein selbstironischer Kick auch nicht. Vielmehr lief die mit Perlenstickerei, Paillettenkaskaden, eingewebten Metallfäden und gar einem angemalten Oberteil aus Zebrastreifen handwerklich perfekt gemachte Kollektion ins Leere. Die Zwanziger-Jahre-Motive überzeugten nicht einmal mit glitzernden Josephine-Baker-Anklängen. Die Achtziger-Jahre-Anspielungen trösteten nicht über die Kitschfarben von Bronze bis Lila hinweg. Und die Tiermotive von Giraffen bis zu Pandas hatten wirklich keinen Biss.

          Die Deutschen (I) Bild: Anna Jockisch

          Wenigstens erlag Jacobs nicht dem Drang vieler Pariser Modemacher, auf Nummer sicher zu gehen. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst – diese christliche Botschaft nämlich haben viele Designer so interpretiert, dass sie eine übergroße Liebe zu ihrer selbstreferentiellen Community, zum Doppeldesign, zur Konfektionskopie, zur Modemode auf die Bühne brachten, die nichts mehr mit der Frau zu tun hat, nichts mehr mit eigenem Stil, sondern nur mit dem verzweifelten Versuch, ganz vorn dabei zu sein und die überkandidelte Szene zu beeindrucken.

          Übermäßig begeistert von sich selbst

          Jahrelang hatten sich die Designer zum Beispiel darauf geeinigt, den Balmain-Look nachzuahmen – mit dekorierten Military-Jacken, ausgewaschenen Jeans, Lederleggings und durchlöcherten 1000-Euro-T-Shirts. Designer Christophe Decarnin gibt sich alle Mühe, Balmain weiterzuentwickeln, dieses Mal in Richtung Punk-Glamour. Und ein Echo seines zerrissenen Stils ist noch in der von Beth Ditto angeführten Punk-Brigade Jean Paul Gaultiers zu vernehmen und in einigen Kostümen, die Karl Lagerfeld für Chanel kunstvoll zerschlissen aussehen ließ. Aber die Mode ist schon weiter, die Modemode erlebt einen intertextilen Paradigmenwechsel: Jetzt ist es eher Phoebe Philo von Céline, der man in Paris Schnitt auf Schnitt folgt.

          Die Dialektik des Kopierens wird beim Blick ins Oktober-Heft der französischen „Vogue“ offenbar, der Jubiläumsausgabe zum neunzigjährigen Bestehen. Da sehen die Dsquared-Anzeigen so aus wie früher die von Dolce & Gabbana, die Anzeigen der Linie ’S Max Mara wie die der erfolgreichen italienischen Erfolgsmarke Moncler, und die von Juergen Teller fotografierte Céline-Werbung wie jene, die der deutsche Fotograf auch in dieser Saison für Marc Jacobs macht – jeder hat so seine Methoden, sich abzukapseln von der Kreativität. Die Selbstbezüglichkeit der Szene gibt es sogar schwarz auf weiß: Im „Vogue“-Editorial gratuliert Chefredakteurin Carine Roitfeld ihrer eigenen Zeitschrift zum Geburtstag – entweder verdächtig entfremdet von ihrem Produkt oder übermäßig begeistert von sich selbst.

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