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Pariser Modewoche : Apokalypse mit schwarzen Pumps

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Grobe Hose und Boots: Chanel zeigt sich so frisch und jung wie lange nicht mehr Bild: REUTERS

Selten waren die Prêt-à-porter-Schauen in Paris turbulenter. Und nicht immer ging es um Mode. Nur einer trotzt allen Stürmen: Karl Lagerfeld. Seine Kollektion wirkt so frisch und jung wie lange nicht mehr bei Chanel.

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          In einer turbulenten Pariser Modewoche wie dieser, in der über den Grad des Wahnsinns von Designern diskutiert und über die Macht der Luxuskonzerne geklagt wird, in der Manager auf dem Laufsteg Erklärungen verlesen und Moderedakteure in Tränen ausbrechen, sitzt man am Dienstagmorgen in Reihe fünf im Grand Palais - und die Welt ist wieder in Ordnung. Unter der gigantischen Glaskuppel leuchtet die Mode noch. Hier gibt es sie, die perfekte Illusion, die Opulenz und Dekadenz und einen strahlenden Designer ohne Fehl und Tadel, eine Lichtgestalt, nach der die Welt gerade jetzt giert. Das Märchen heißt Chanel und die Hauptfigur ist ein kleiner Mann mit Zopf und Sonnenbrille, der nach mehr als vier Jahrzehnten im Kleiderzirkus immer noch weiß, wie der Zauber der Mode funktioniert.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Chanel läuft bei den Prêt-à-porter-Schauen, die an diesem Mittwoch zu Ende gehen und auf denen die Kollektionen für den nächsten Herbst und Winter präsentiert werden, außer Konkurrenz. Es ist die größte Schau, die perfekteste Inszenierung, es ist Hollywood und Bollywood in einem. Und es ist fast schon egal, wie eigentlich die Mode aussieht. Diesmal hat "Kaiser Karl" einen XXL-Laufsteg aus Holzbohlen bauen lassen, rechts und links schwarze Steine aus Styropor drapiert, Nebel steigt auf, an den Wänden sind die Schatten von Bäumen zu sehen. Es soll ein Herbsttag im Wald sein, ein düsterer Herbsttag, denn es könnte auch zur Kulisse für die Apokalypse werden.

          Dann öffnet sich das riesige weiße Tor mit dem Chanel-Logo wie eine Zugbrücke und heraus kommt eine Kollektion, die auf Schwarz, Grau und Weiß basiert, was durchaus zu den Hausfarben der Marke gehört, die aber gleichzeitig in ihrer Gothic-Anmutung, den maskulinen Elementen, die sich in den Hosen und groben Boots zeigen, so frisch und jung wirkt wie lange nicht mehr bei Chanel. Am Ende, als mit schwarzen Pumps, Tweed-Boleros und Paillettenjacken die weibliche Seite der Marke wieder an Macht gewinnt, zeigt sich der Meister mit seinen Models - selbstredend sind es so viele wie bei keiner anderen Schau - und entschwindet wieder. Der Zauber hat gewirkt. Chanel ist Chanel, da mögen die Stürme draußen noch so toben.

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          Die Marke hat auch deshalb eine Sonderstellung, weil das Dreigestirn Inhaber, Management und Designer perfekt harmoniert. Die Familie Wertheimer, der Chanel seit dem Tod seiner Gründerin gehört, vertraut ihrem Couturier genauso wie ihrem Manager Bruno Pavlovsky. Bei Dior, das seinen Designer nach antisemitischen Äußerungen entließ, galt das Verhältnis zwischen dem Geschäftsführer Sidney Toledano und John Galliano schon länger als zerrüttet. Auch andere Designer stehen zur Zeit auf dem Prüfstand.

          Chloé versucht es mit optimistischem Siebziger-Jahre-Feeling

          Hannah MacGibbon zum Beispiel, Kreativdirektorin von Chloé. Sie konnte den Erfolg ihrer Vorgängerin Phoebe Philo (jetzt bei Céline) nicht fortsetzen. Es wird kolportiert, dass ihr Arbeitgeber schon Gespräche mit möglichen Nachfolgern führt, obwohl die Kollektion der Britin, die am Montag zu sehen war, mit großflächigen Pythondrucken auf Blusen, Mänteln und Röcken und einem optimistischen siebziger Jahre-Feeling so aussah, als würde sie ihre Käufer finden.

          Ähnlich geht es Stefano Pilati, der noch vor wenigen Saisons als Wunderkind gefeiert wurde, das endlich Yves Saint Laurent, das kranke Kind der Gucci-Gruppe, aus dem schwarzen Tal holen soll. Doch die Verkaufszahlen könnten besser sein. Ob seine neue Kollektion, die im wesentlich aus grauen Wollkostümen, einem ganzen Reigen von weißen Kleidern und eleganten Overalls besteht, mehr Erfolg bringen wird, ist fraglich. Als zu streng und zu hochpreisig stufen Einkäufer die Marke ein.

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