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Nicola Gerber Maramotti von Max Mara : „Wir brauchen keinen Glamour“

Bemerkenswert uneitel: Nicola Gerber Maramotti Bild: ©Helmut Fricke

Tupper-Partys der Luxusklasse: Mit „Trunkshows“ versucht Nicola Gerber Maramotti vom italienischen Label Max Mara, ihre Ware direkt nach der Schau zu verkaufen. Denn auch Luxusdesigner leiden unter der Krise und müssen neue Wege gehen.

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          Wenn Nicola Gerber Maramotti an diesem Mittwoch nach Frankfurt kommt, bringt sie gleich mehrere Ideen mit. In einer Trunkshow zeigt sie die Frühjahrsmode von Max Mara, belebt damit nebenbei auch die abendliche Hauptwache mit Modegästen, geht in Gesprächen der Krise nicht aus dem Weg und kann beim anschließenden Dinner im kleinen Kreis den Gästen auch von einem neuen Projekt berichten. Das alles ist auch deswegen erwähnenswert, weil eine Deutsche und dazu noch eine Mutter von vier Kindern für eine der größten italienischen Modemarken spricht – ohne dass es in Deutschland bisher allzu vielen Menschen aufgefallen wäre.

          Alfons Kaiser
          (kai.), Deutschland und die Welt

          Die erste Idee ist also die mit der Trunkshow. Das ist eine kleine Modenschau im Geschäft mit anschließendem Verkauf – und nichts Neues, weil solche Schauen in Amerika seit Jahrzehnten in all den Städten wie Houston oder Dallas oder Chicago stattfinden, in denen die besten Kundinnen nicht in die richtigen Modenschauen können, die eben nur in New York oder Paris stattfinden. Nicola Maramotti, die in Hamburg und in New York Wirtschaft studierte, kennt die Sitte aus ihrer Zeit in Manhattan, wo sie Geschäftsführerin des Wempe-Geschäfts an der Fifth Avenue war – und wo sie bei einer Grillparty in den Hamptons Ignazio Maramotti kennenlernte, den Sohn des legendären Achille Maramotti, der 1951 in Reggio Emilia die Modemarke Max Mara gegründet hatte.

          Tupper-Partys der Luxusklasse gegen die Krise

          Heute kommen Trunkshows herüber nach Europa, weil sie persönlichen Kontakt zur Kundin versprechen, weil Erlebnisshopping (wie neuerdings auch im KaDeWe) in Zeiten der Krise noch Umsätze verspricht und weil man die Kundin durch intime und gleichzeitig gesellige Atmosphäre noch besser an die Marke zu binden versucht. Die Idee, Trunkshows nach Europa zu holen, hatte Nicola Maramotti selbst. Mit zwei „Instyle“-Redakteurinnen suchte Max-Mara-Fashion-Coordinator Laura Lusuardi ein paar Dutzend Looks aus, die nun durch die acht deutschen Max-Mara-Boutiquen defilieren. „In Stuttgart haben vergangene Woche sogar die Männer ihre Lieblingslooks bei der Schau angekreuzt“, sagt Maramotti. Das absatzfördernde Marketingevent ermöglicht nebenbei auch einen Blick in den Kunden: Die modischen Lederjacken der Saison, von denen man noch nicht wusste, ob sie nicht vielleicht nur in Modemagazinen auftauchen, waren schnell verkauft.

          Solche Tupper-Partys der Luxusklasse sind für Nicola Maramotti, die den Vertrieb der Marke in Europa verantwortet, auch ein Mittel gegen die Krise: „Wo Qualität und Service stimmen – da funktioniert der Markt.“ Eine Delle werde es aber in diesem Jahr für alle Luxusmarken geben – auch für den Maramotti-Familienkonzern, der mit 23 Marken (unter anderem Max Mara, Sportmax, Max und Co, Marina Rinaldi), mit insgesamt 2000 (selbst oder per Franchise geführten) Geschäften in 90 Ländern und mit 1,25 Milliarden Euro Umsatz ein „hidden champion“ oder „silent giant“ der italienischen Mode ist. Die Frau des Vorstandsvorsitzenden der Max Mara Fashion Group macht nicht den Eindruck, als ob sie das schrecken würde. Ohnehin ist sie bemerkenswert uneitel. Die regionalen Wurzeln des Familienunternehmens, das weiterhin die allermeisten Produkte in der Region fertigen lässt, sind ihr im Zweifel wichtiger als modische Attitüden. Zu den Freunden der Familie zählen eher die Barillas aus dem nahen Parma als die Versaces aus Mailand: „Wir brauchen keinen Glamour.“

          „Man muss zeigen, was man kann“

          Dabei fällt die diskrete Familie nun öfters durch Neuentwicklungen auf, die nicht dem Image des braven Mantel- und Kostümspezialisten entsprechen. Der Winter-Renner, die Jacke aus sibirischen Daunen, lässt sich auf eine kleine „Cube“-Tasche zusammen falten und wird auch „customized“ geliefert, also mit Extrawünschen ausgestattet. Einen ähnlichen Schritt macht die Marke, wie Maramotti hier erstmals berichtet, mit dem neuen Projekt „Max Mara Couture“ – das sind bisher 15 Tages- und fünf Abendmäntel, die durch Schnitte, Falten, Stickereien und besonderes Innenleben aufwendig verarbeitet sind und zu einem Verkaufspreis von wohl mehr als 2000 Euro angeboten werden. Auch das soll eine Antwort auf die Krise sein. Denn in den Geschäften geben nun weniger Kunden jeweils mehr Geld aus. (Wobei Maramotti gleichzeitig am anderen Ende des Preisspektrums einen „Run auf Accessoires“ erkennt.)

          Und wie schafft es nun eine Deutsche an die Spitze eines italienischen Modeunternehmens? Jedenfalls nicht nur durch Heirat mit dem Mann, der heute mit seinem Bruder Luigi die Unternehmen leitet. Das allein hätte dem im Jahr 2005 verstorbenen Patriarchen Achille Maramotti wohl nicht gereicht, als er seine Schwiegertochter gleich nach ihrer Ankunft in Reggio Emilia im Jahr 1991 bat, sie solle doch mal zur Sportmax-Präsentation kommen – seitdem arbeitet sie im Unternehmen mit und vereinbart das sogar mit vier Kindern zwischen neun und 14 Jahren, die freilich öfters von der aus Düsseldorf einfliegenden Großmutter betreut werden.

          Nein, die deutsche Italienerin hat auch den Sinn eines Familienunternehmens erfasst, in dem die drei Töchter auch schon mal deutlich die Meinung zur jungen Marke „Max und Co“ sagen, in dem die Chefs schon morgens vor der Arbeit gemeinsam in Katalogen blättern oder nachts mit New York telefonieren, um die vom Vater aufgebaute Kunstsammlung um junge Namen zu erweitern, in dem nicht dauernd neue Beteiligungsgesellschaften das Sagen haben und die Familie eine klare Linie verfolgen kann – die nicht im Nichts endet. Ihre älteste Nichte Maria Giulia, die schon studiert und bei einer Bank gearbeitet hat, steht nun in Verona in einem Max-Mara-Geschäft hinter der Theke. „Dann muss man zeigen, was man kann“, meint Nicola Maramotti. „Nur so geht’s.“ Klarer Fall von Krisenbewältigung.

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