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New York Fashion Week : Das Leben ist ein roter Teppich

Nicht gerade zurückhaltend zeigte sich die Kollektion von Kult-Designer Marc Jacobs Bild: Helmut Fricke

Mit den New Yorker Kollektionen beginnt die Modesaison. Marc Jacobs, der erste Höhepunkt, gibt die Stimmung vor: hochgeschlossene Blusen, rüschenbesetzte Kleider, Pluderhosen und Strickpullunder. Ein Schau-Spiel in drei Akten.

          Vorspiel. „New York Deli“, Lexington Avenue. Draußen liegen die Wochenzeitungen aus Bangladesch aus. Drinnen ist viel los. Gegenüber beginnt gleich die Schau. Biplab Kumar Bhattacharjee ist erst seit neun Monaten hier. Marc Jacobs kennt er nicht. Aber er freut sich über all die Modeleute, die noch Cadbury’s und Twix in seinem Laden kaufen. „Hey“, ruft ein Taxifahrer aus seinem Wagen von der zweiten der fünf Lexington-Avenue-Spuren herein, „hast du auch Ramadan-Speisen?“ – „Klar!“ Noch immer ist Fastenmonat. Bhattacharjee dürfte etwas zu sich nehmen, er ist Hindu. Aber sein Chef ist Muslim, also hält er sich zurück. Wann dürfen sie wieder essen? Er schaut auf die Uhr. „Heute um 19.09 Uhr.“ Dann geht die Sonne unter.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Erster Akt: Einzug. Armory, Höhe 26. Straße, Rekrutierungsbüro der Nationalgarde, jetzt vermietet an den Designer Marc Jacobs für die Frühjahr/Sommer-2010-Damenmodenschau. Abend. Die Spitze des Empire State Building leuchtet noch von der Sonne, an der Avenue Jeeps der Nationalgarde, Ankunft der Gäste, Spannung in der Luft vor der ersten wichtigen Schau der Saison, dem Stimmungsmesser vor London, Mailand, Paris.

          „Hier ist Energie. Gucken Sie sich die Massen an!“

          Chaos auf der Straße, Dauerhupen, die Fotoblogger verstehen nicht mal die Namen der Stilikonen, die sie gerade fotografiert haben. Auftritt Lady Starlight, Partnerin und Geistesverwandte von Popstar Lady Gaga, im Vintage-Silber-Kleid. „Aus einem Stück Stoff geschnitten, supersimpel.“ Und warum ihre Liebe zu Marc Jacobs? „Er ist frisch und spannend und auf meiner Wellenlänge.“ Aus der nächsten Limousine steigt Stephen Sadove, Saks-Fifth-Avenue-Chef, stolpert fast über Lady Starlight, bleibt unentschlossen stehen, und als Lady Starlight zurückflaniert, wird Sadove auch noch vom rückwärtslaufenden Pro-Sieben-Kameramann umgerempelt.

          Blass wie Geishas drehen die Models ihre Runden

          Am Seiteneingang laufen die dürren Mädchen die Stahltreppe hoch, Iris, Vlada, Natascha, Amanda, Tao. Die Sonne ist weg, den Gehweg bitte freihalten, die Limousinen fahren vor, Madonna soll auch noch kommen. Ed Filipowski, die Sphinx der Veranstaltungsagentur, hält mit seinen Männern den Eingang sauber von Modestudentinnen. Rein kommen die Einkäuferinnen: Julie Gilhart von Barneys. Rein kommen die bunten Blogger: Perez Hilton. Rein kommt die Presse: fast schildkrötengleich inzwischen Suzy Menkes, aufrecht im Marc-Jacobs-Kleid die russische Fernsehstarjournalistin Evelina Khromtchenko, verwuschelt Olivier Zahm, kein Fahrradkurier, sondern Chef eines der besten Modemagazine: „Purple“. Rein kommen all die besten Freunde, die Stichwortgeber, die Downtown-Musen. Sind schon Prominente da? „Ja“, sagt eine Modestudentin, „Rachel Zoe.“ Die Stylistin als Celebrity – so schnell scheint die Rezession nicht vorbeizugehen. Früher fuhren hier Jennifer Lopez, Victoria Beckham, Jay-Z, Beyoncé und, kurz vor Antritt der Haftstrafe, Lil’ Kim vor.

          Statt mehr als 1000 gibt es drinnen nur noch 700 Plätze. Die Stimmung aber ist wie immer. „How are you?“, amerikanisch eine Oktave höher gerufen. „You look fabulous!“, mit ausladenden Lippenbewegungen in die Ferne gehaucht, weil man durchs Chaos nicht kommt und nicht dringt. Als Letzte huscht Cathy Horyn von der „New York Times“ auf ihren Platz, obwohl sie die kürzeste Anfahrt hat. Auftritt Carine Roitfeld, Chefin der französischen „Vogue“: „Hier ist Energie. Gucken Sie sich die Massen an!“ Fast besser als bei den besten Schauen in Paris? „So weit würde ich jetzt doch nicht gehen.“

          Brokatstickerei ruft ein Goldenes Zeitalter wach

          Zweiter Akt: Umzug. Weißer Raum, helles Licht, klinisch rein – beim Erfinder des Grunge! Madonna ist gekommen. Sitzanordnung als Stimmungsaufheller: Fast alle sind in der ersten Reihe, dafür müssen die Models im Zickzack 200 Meter laufen. Blass wie Geishas drehen Iris und Kolleginnen die Runden. Hochgeschlossene Blusen unter Minitrenchcoats geben Sicherheit. Das über und über mit rundlaufenden Rüschen besetzte Kleid sieht aus, als wär’s ein Stück von Comme des Garons. Die Muster sind Material geworden, als Gitterstruktur am Kleid und Fransen an den Taschen.

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