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Modewoche in Berlin : In den Schuhen der Schneiderin

Attitüden hat sie keine: Schneiderin Irene Grimm in einem seltenen Moment der Ruhe Bild: Helmut Fricke

Wenn Rena Lange auf der Fashion Week zeigt, reist das Handwerk des Hauses mit in die junge Stadt. Ein paar Tage Berlin – aus einer ganz anderen Perspektive.

          In dieser Stadt und in dieser Woche könnte man die Schneiderei mit einem Pop-Up-Konzept verwechseln. So wenig erwartet man sie hier. Es ist Fashion Week in Berlin, und abseits der Modenschauen öffnen etliche Guerrilla-Konzepte ihre Türen - als Bars auf Zeit, als Restaurants auf Zeit, als Shops auf Zeit, als etwas Vergängliches, das morgen schon wieder weg ist. Irene Grimm hat für die halbe Woche in Berlin ihre Nähmaschinen im Gepäck, um Bleibendes zu schneidern.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Grimms Pop-Up-Schneiderei ist natürlich nicht öffentlich, und für ihren Arbeitgeber, das Traditionshaus Rena Lange aus München, ist sie überhaupt eine Notwendigkeit. Es ist Dienstagmorgen, und in einer Berliner Schneiderei, die hinter der Rena-Lange-Boutique in der Hauptstadt liegt, stecken Schneidermeisterin Grimm, 58, und ihre Kolleginnen in den letzten Vorbereitungen für die kommende Frühjahrskollektion.

          Bis zur Schau von Rena Lange am Donnerstagvormittag sind es noch zwei Tage - aber die Arbeit würde mindestens für dreieinhalb reichen. Und besonders dringlich sind gerade die Bänder aus Georgette in Königsblau, die in der Schneiderei auf Zeit jetzt einen provisorischen Platz über dem Hebel des gekippten Fensters finden. Im Wind tanzen sie, als wären sie Dekoration für eine Gartenparty.

          Aber bei Irene Grimm wird bis Donnerstagmittag durchgearbeitet. „Es wird nicht gejammert“, sagt sie zu ihren Kollegen. So kurz vor der Schau ist Grimms Atelier der OP-Saal der Mode, in dem die letzten Korrekturen an der Kollektion vorgenommen werden. Gelegentlich sind auch Transplantationen notwendig.

          Letzte Korrekturen: Backstage während der Rena-Lange-Schau auf der Berlin Fashion Week.

          Es wird nicht gejammert

          Heute Mittag ist ein bedrucktes Plisseekleid an der Reihe. Die königsblauen Georgette-Streifen, die so noch harmlos aussehen, sollen Teil des Kleides werden. Es fehle noch eine Borte, sagt Creative Director Karsten Fielitz. Also schnappt sich Grimm einen breiten Streifen nach dem anderen, näht, schneidet und näht wieder, trennt den Stoff des Kleides auf, und arbeitet die Streifen dann so ein, dass sie nur noch auf drei Millimeter Höhe über der weißen Seide des Kleides hervorblitzen. Es ist 13 Uhr, es wird 14 Uhr, Grimm macht kurz Mittagspause, dann 15 Uhr, 16 Uhr, und sie arbeitet noch immer an dieser Borte. Grimm ist eine Frau mit großem Herzen und Engelsgeduld - und das, obwohl auch ihr Klapphandy nicht still sein kann.

          Das erste Signal für noch mehr Arbeit ist nämlich Grimms Klingelton. In dem fremden Atelier ist er einmalig. Die Anrufer sitzen einen Stock höher, und wenn Grimm deren Nummern wählt, wühlen dort mehrere Leute gleichzeitig in den Hosentaschen. Sie alle haben dasselbe Läuten eines alten Telefons auf dem Smartphone gespeichert, das kaum mehr nach Vergangenheit klingt, sondern verrät, dass man heute überall erreichbar ist.

          Kontrolle vor der Schau: Grimm braucht dafür keinen weißen Arbeitskittel. „Die Zeiten sind vorbei“, sagt sie.

          Grimm braucht kein Smartphone, um ihre Arbeit zu erledigen - und auch keinen weißen Arbeitskittel: „Die Zeiten sind vorbei.“ Die Kollektion von Rena Lange wird in den wenigen Tagen vor der Modenschau in Berlin auf zwei Wegen perfektioniert - über die Handyverbindung und die Treppe, die von der Erdgeschoss-Schneiderei hinaufführt zum Designteam, das die Kollektion an den Models ausprobiert. Nach dem Telefonat eilt Grimm, schwarze Stoffhose, Ballerinas, weißes T-Shirt, dann hoch, spricht sich kurz mit ihren Kollegen ab und nimmt Models - in Jeans-Shorts, Ballerinas und weißen T-Shirts - die korrekt-adretten Seidenkleider des Hauses ab.

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