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Modemacherin Véronique Nichanian : „Ich mache Bekleidung, nicht Mode“

Véronique Nichanian ist eine der wenigen Frauen, die Herrenmode entwerfen Bild: AP

Véronique Nichanian ist eine der wenigen Frauen, die Herrenmode entwerfen. Seit genau zwanzig Jahren arbeitet sie für das Pariser Luxushaus Hermès. Sie freut sich über den flexiblen Mann und ärgert sich über die hektische Szene.

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          Lange genug hat sie darauf hingearbeitet. Véronique Nichanian erzählt von der Premiere trotzdem nicht in einem schnoddrigen Ton, der Coolness signalisiert. Nein, sie ist einfach nur begeistert. Nächstes Jahr wird an der Madison Avenue in Manhattan das erste Hermès-Geschäft der Welt eröffnet, das nur den Herren gewidmet ist. „Und das ist für mich dann so etwas wie ein Geburtstag!“

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Schon wieder ein Grund zum Feiern. Véronique Nichanian, die in der verwinkelten Zentrale der Pariser Luxusmarke an der Rue du Faubourg Saint-Honoré in einem hellen Eckatelier mit Blick auf die Concorde sitzt, hat dafür schon in diesem Jahr einen Grund: Seit genau zwanzig Jahren ist sie Chefdesignerin der Herrenlinien des Hauses. „Zwanzig Jahre? Als ich das hörte, dachte ich nur: Mein Gott!“

          Sie kümmert sich einzig um die Männer

          Beistand von oben braucht sie nicht nur wegen der großen Zeitspanne, die in Paris allein von den 25 Jahren Karl Lagerfelds bei Chanel übertroffen wird. Véronique Nichanian, eine unzeitgemäße Erscheinung in der hektischen Modewelt, überspringt nämlich außer Jahrtausendgrenzen auch Rollenklischees: Denn keine andere renommierte Modedesignerin auf der Welt entwirft ausschließlich für Herren.

          Hermès-Schau in Schanghai im September

          Frida Giannini von Gucci oder Rei Kawakubo von Comme des Garçons zum Beispiel machen die Herren- nur zusätzlich zu den Damenentwürfen. Sie dagegen kümmert sich einzig um die Männer. (Frauen dagegen werden weiterhin meist von den Herren der Modeschöpfung eingekleidet.)

          Eine perfekte Job-Beschreibung

          Die Männer zu verstehen - auf diese Kunst verstehen sich nicht allzu viele Frauen. Nichanian hingegen, die noch als Mittfünfzigerin attraktiv ist wie eine Mittdreißigerin, hat daraus ein Geschäftsmodell für das Luxushaus gemacht. Die Umsätze der Herrenkollektionen wachsen etwa genauso schnell wie die der Hermès-Damen.

          „Wenn man zufrieden ist und sich das Geschäft gut entwickelt - warum sollte man daran etwas ändern?“ Ja, warum? Und warum hat sie jetzt schon drei Hermès-Damendesigner erlebt und überlebt? Nach Claude Boët kam Martin Margiela, und seit fünf Jahren ist nun Jean Paul Gaultier ihr Kollege. Sie kann sich nur einen Grund vorstellen zu gehen: „Wenn es mir eines Tages langweilig wird, werde ich aufhören.“ Klingt wie eine perfekte Job-Beschreibung - und das in Krisenzeiten!

          Tradition: Mantel aus Pferdehaar

          Bescheiden muss sie nicht sein. Derzeit arbeitet sie an der Herrenkollektion für Herbst und Winter 2009/2010. „Ich fange mit den Farben an und gehe dann zu den Materialien über. Die Stoffe suche ich alle selbst aus.“

          Das Modehaus im Zeichen der Pferdekalesche, das mit Reiterbedarf begann, mit Lederwaren wie der „Kelly Bag“ weltberühmt wurde und in den ersten neun Monaten dieses Jahres währungsbereinigt einen um 9,7 Prozent gewachsenen Umsatz von 1,2 Milliarden Euro machte, legt bei hohen Preisen viel Wert auf Verarbeitung und Materialien: „Ich kann hier alle Arten von Leder verarbeiten, zu denen ich Lust habe. Außerdem gibt es die schönsten Kaschmirgewebe, und wir sind die größten Seidenweber.“ Die Modemacherin, die schon als Kind von Stoffen besessen war, experimentiert auch gern mit Kunstfasern - und hat, der Tradition des Hauses gemäß, auch schon einen Mantel aus Pferdehaar entworfen.

          Und am Ende sind sie glücklich

          Die Liebe zum Stoff erwarb sie bei ihrem Vater und bei ihrem ersten Arbeitgeber. Ihr Vater, der aus Armenien nach Paris kam, trug nur Maßgeschneidertes und parfümierte sein Taschentuch. Nach der Modeschule der Chambre Syndicale de la Haute Couture, die sie 1976 abschloss, arbeitete sie zwölf Jahre für noch einen Modeverrückten: Bei Nino Cerruti, der als Designer bekannt wurde, aber als Weber fast noch mehr Respekt genießt, wurde sie in die Stoffverarbeitung eingeführt.

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