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Model Antonia Wesseloh : Deutsch und Mathe und Prada

Das Alter sieht man ihr an: Antonia, 16, ist wie fürs Modeldasein gemacht Bild: Helmut Fricke

Schon wieder ein neues deutsches Gesicht: Die Schülerin Antonia Wesseloh aus Buxtehude steigt als 16 Jahre altes Model ganz oben ein - in der Prada-Kampagne und auf den wichtigsten Laufstegen.

          Der Tag beginnt, als wär’s ein Stück von Heidi Klum. Antonia ist zu spät. Casting-Chef Noah Shelley wartet im Zelt der New Yorker Modewoche auf seine Models: „Wo sind die alle?“ Seine Assistentin wedelt mit den Listen, läuft zum Hintereingang, kommt allein zurück, zuckt mit den Schultern. Backstage warten Friseure und Make-up-Leute. Ein Fotograf meint über die paar Models, die schon da sind: „Alle keine Brüste und nix.“ Der ist wohl zum ersten Mal hier.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Dann kommt sie doch, vom Proenza-Schouler-Casting, das Downtown stattfand, zu ihrem dritten von zwölf Terminen heute, der natürlich Uptown stattfindet. Noahs Assistentin wedelt Antonia mit der Liste in die richtige Tür, ganz hinten links auf den Stuhl, und schon zupft und zerrt der Friseur an ihren Haaren. Das Richard-Chai-Defilee beginnt in einer Stunde. Für Antonia aus Buxtehude, gerade 16 Jahre alt, ist es eine Premiere: ihre erste internationale Laufsteg-Schau. Das Alter sieht man ihr an. Ihr Gesicht wirkt noch kindlich. Fürs Modeldasein ist sie wie gemacht. Antonia ist schmal, groß und hat schöne Augen. Und sie hat der Modeszene etwas zu bieten: einen spitzen Haaransatz („Das nennt man Witwenspitze“), dadurch ein herzförmiges Gesicht, leichte Schlupflider und volle Lippen.

          Die Premiere sieht man ihr nicht an. Denn schon im Januar, da war sie noch 15 Jahre alt, lief sie auf der Berliner Modewoche für Rena Lange und Escada. Im Publikum saß damals Casting-Agentin Ashley Brokaw, die dauernd nach neuen Models sucht. Und für die Herbst-Winter-Kampagne des Modehauses Prada griff sie zu. Im April kam Antonia von der Schule nach Hause. „Meine Mama so: ,Rate mal, wohin du fliegst?‘ Ich so: ,New York?‘ Sie so: ,Ja.’ Ich so: ,Nein!‘“ Doch, sie flog nach New York und wurde mit ein paar anderen Mädchen von Steven Meisel für die Prada-Herbst-Winter-Kampagne aufgenommen, die seit September in Zeitschriften und Zeitungen zu sehen ist.

          Allein unter Jungs: Antonia wartet auf ihren Auftritt

          999 von 1000 Bewerbungen werden gelöscht

          Und sie flog gleich nochmal, weil Meisel sie auch für die italienische „Vogue“ aufnahm. Das hatte Wirkung: Sie wurde für eine große Parfumkampagne gebucht, und sie bringt seit zwei Wochen viele Kilometer auf den Laufstegen hinter sich: Marc Jacobs, Rodarte, Prabal Gurung, Proenza Schouler, am Donnerstagabend Prada – die besten Marken, die sich ein Model nur wünschen kann. Einen solchen Einstieg hat seit dem 11. September 2007, als Toni Garrn die Calvin-Klein-Schau eröffnete, kein deutsches Model mehr geschafft.

          Sie nimmt’s gelassen. Ist New York aufregend? „Joo. Bin aber schon zum vierten Mal hier.“ Wie war Steven Meisel? „Nett. Ja.“ Und die anderen Mädchen der Kampagne? „Sind cool.“ Irgendwie sehen sich die alle ähnlich, oder? „Ja. Alle so spezielle Augen.“ Bei Richard Chai, an ihrem ersten Tag, bekommt sie dann gleich eine Einführung in all die Gefahren. „Die wollen, dass ich hier was unterschreibe“, sagt sie zu ihrer Agentin Claudia Midolo. Ein Kosmetikkonzern will backstage Aufnahmen machen und sie später kommerziell verwenden. Sie soll ganz schnell unterschreiben, während noch an ihren Haaren herumgezupft wird. „Machen wir nicht“, sagt Claudia Midolo, Gründerin und Chefin der Hamburger Agentur „Modelwerk“, die Antonia in ihrer ersten Saison auf Schritt und Tritt begleitet. „Die können nicht mal eben einen Vertrag hinlegen, zweiseitig und auf Englisch.“

          Vor einem Jahr schickte Antonia ihre Bilder an mehrere Modelagenturen. Von 1000 Bewerbungen ereilt rund 999 das Schicksal der „Entfernen“-Taste. Claudia Midolo aber sah dieses Gesicht, erkannte darin etwas (andere Agenturen antworteten nicht), schrieb ihr noch am gleichen Abend zurück, und ein paar Tage später saß Antonia vor ihr. Die Mutter bestand auf ein paar Dingen: Im Sommer hat Antonia die mittlere Reife gemacht, jetzt geht sie in die elfte Klasse des Gymnasiums Halepaghen-Schule in Buxtehude. Beziehungsweise: Sie geht jetzt gerade mal sechs Wochen nicht in die Schule. Statt Kunst, Deutsch, Musik, Mathe nun New York, Mailand, Paris. Statt „Kabale und Liebe“ nun Castings, Fittings, Shows. „Zwischendurch bin ich zwei Tage zu Hause, aber da ist Wochenende.“ In der Schule schreiben Mitschüler für sie mit. Und sie liest auch unterwegs, so gut das geht bei zwölf Terminen am Tag und dauernden Mails, Anrufen und SMS von Model-Bookern, Casting-Agenten und Model-Kolleginnen.

          „Halt mal deine Arme raus, die sind länger“

          „Es ist auch für ihre Entwicklung gut, wenn sie in der Schule bleibt“, sagt Claudia Midolo. „So behält sie Kontakt zu ihren Mitschülern und bleibt bodenständig.“ Und so wird sie nicht ganz von der Szene verschluckt, die schon viele Mädchen in die Verzweiflung oder in die Magersucht getrieben hat. Antonia, vielleicht die wichtigste Berufsvoraussetzung, hat Nerven – und schlingt auch gerne mal zwischendurch ein nicht gerade figurfreundliches Sandwich von Starbucks herunter.

          „Sie hat’s raus“, meint Claudia Midolo. „Man muss Druck aushalten, Lust zu vielem haben, kein Heimweh bekommen, Aufregung verkraften, bei zwölf Terminen und strömendem Regen die Nerven behalten, bei all den Anrufen und Mails nicht durchdrehen und Absagen verkraften können.“ Antonia nimmt den Stress ziemlich norddeutsch-stoisch hin: „Haben wir gleich dann wieder keine Zeit, auf die Toilette zu gehen?“

          Und wie war die Schau? „Super!“ Durch den Hinterausgang, schnell auf die neunte Avenue, Taxi suchen zu Diane von Fürstenberg. Eigentlich müssen sie in zehn Minuten schon wieder hier oben sein zur nächsten Schau. Vorher müssen sie aber noch von der 65. runter zur 14. Straße, Casting, und wieder zurück. Das könnte knapp werden, wenn kein Taxi hält. „Antonia“, ruft einer, „halt du mal deine Arme raus, die sind länger.“ Als sie nach unten fährt, kommen, vielleicht liegt’s an der neunten Avenue, doch noch melancholische Gedanken auf: In Düdenbüttel, bei ihren Großeltern, war’s schöner für ein Naturkind als hier in Manhattan.

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