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Modedesigner-Nachwuchs : „Straight“ gewinnt

  • -Aktualisiert am

Nachwuchs-Ideen in Berlin: Jacke an Schnüren von Saskia Schijen Bild: REUTERS

Kreative und originelle Entwürfe - das sollte man vom Nachwuchs unter den Modedesignern erwarten dürfen. Belohnt wird Originalität aber nicht unbedingt. Während der Berliner Modewoche gab es Preise eher für „straighte“ Mode.

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          „Arm, aber sexy“ zu sein - das hat seinen Charme. Dieser zeigt sich auf der Berliner Modewoche bei den Schauen der Nachwuchsdesigner. Dass ein wohl geschnittener Anzug ein nicht zu unterschätzendes Kleidungsstück ist, müssen die Anfänger manchmal noch lernen. Die Neulinge setzen lieber auf die Abweichung vom Erwartbaren. Die macht schließlich besonders viel Spaß, bringt aber längst nicht immer auch Anerkennung.

          Eine junge Designerin namens Saskia Schijen hängte einem ihrer Models die Jacke an einer Schnur um den Hals. Da baumelte sie dann wie an einem Kleiderständer vor dem Körper und schlackerte bei jedem Schritt hin und her. Diese kleine Irritation sollte zum Nachdenken über die Rolle der Frau und die Bedeutung ihrer Kleidung anregen. In diesem Fall ging es vordergründig wohl darum, die Brustpartie zu kaschieren.

          Dunkle Musik, helle Farben

          Gleich zwei Talentwettbewerbe standen in diesem Jahr während der Modewoche auf dem Programm. Zunächst wurde der „Beck's Fashion Award“ in der Kulturbrauerei am Prenzlauer Berg von 800 Gästen mit reichlich Bier begossen. Der Saal war überfüllt, die Luft stickig vom Zigarettenrauch und die Musik war ausgesprochen düster.

          Anntian: Helle Farben, weite Schnitte

          Nicht so die Models. Den Auftakt machte das Berliner Label „Anntian“ mit wallenden Gewändern in hellen Farben, dazu wurden Leggings und Gummisandalen getragen. Die Hamburger Designerin Sabine Seilfried erwies ebenfalls den Leggings die Ehre, und zwar in Knallgelb. Schön waren die großen Schleifen, mit der einige weiter geschnittene Hosen vorne gehalten wurden. Ihre Berliner Kollegin Josefine Jarzombek präsentierte zehn Männer-Outfits, darunter fröhliche Hippie-Jeans, die unterhalb des Knies helle Batikmuster aufwiesen. Unter Saskia Schijens Entwürfen stach eine Kombination aus schwarzer Bundfaltenhose mit sehr hohem Bund und weißer Bluse hervor.

          Cem Cako aus Antwerpen und New York packte Männer in Plastikanzüge und Krempelshorts - ein ungewohnter Anblick. Der Hamburger Robert Huth wartete dagegen mit tragbaren Modellen auf, in dunklen Tönen gehalten, dezent und doch originell, wie am Beispiel einer locker sitzenden Männerleggings aus Wolle deutlich wurde. Das Londoner Designerduo Ostwald/Helgason zeigte Tiermotive auf schwarzen Tuniken. Und was sagte die Jury? Einer der Juroren, der Däne Henrik Vibskov, meinte, Paris sei eigentlich viel aufregender als Berlin. Der Anspruch des Mentors, nicht der Schüler, ist in diesem Fall das Problem.

          Nicht nur Neues im Talentschuppen

          Die Talentsuche ging weiter beim „Karstadt New Generation Award“ im Berliner Postbahnhof. Die Atmosphäre war feierlicher als bei Beck's: Kein Bier, keine Zigaretten, stattdessen gab es Häppchen und Champagner in der Vip-Lounge. Auf jedem Sitzplatz lag eine Wegwerf-Kamera bereit, deren Blitz allerdings nicht recht funktionierte. Die Fotografin Ellen von Unwerth machte sich nichts daraus. Sie knipste einfach drauf los.

          Es gab nicht nur Neues zu sehen: In der Kollektion von „Mongrels in Common“ sah man unter anderem jene schöne Kombination aus schwarzer Bundfaltenhose und weißer Bluse wieder, die in nahezu identischer Form schon bei „Beck´s“ aufgefallen war. Auch die Marke „Pulver“ zeigte weit geschnittene, taillierte Hosen - die Zeit der „low pants“ ist vorbei. Auf einigen Kleidungsstücken waren Schwalben und Federn abgebildet, hier und da leuchteten Strickteile in Knallblau.

          „Straight“ wird belohnt

          Das Label „Miroike“ ließ die gute alte Wickeltechnik neu aufleben. Manche Kleider sahen so aus, als hätte das Model sich kurz vor der Schau nur rasch zwei Schals um den Körper gewickelt. Die eine oder andere Jacke schien falsch zugeknöpft zu sein, aber das war natürlich Absicht. Dieser Mut zur Verfehlung hätte eigentlich belohnt werden müssen, aber stattdessen siegte am Ende das Label „q.e.d.“ mit schwarzer schnörkelloser Männermode: „Wir haben überhaupt nicht damit gerechnet“, sagten Julia Böge, Simona Gabrielli und Jasmin Moallim, die glücklichen Gewinnerinnen. Die drei jungen Frauen dürfen nun für und mit Karstadt eine kleine Kollektion entwickeln. An der Idee des Daumenkinos hatten sie sich orientiert; ihre Kleider sollen die gleiche handgemachte Bewegung ausdrücken.

          Ob die Juroren diesen Gedanken nachvollziehen konnten? Eines der elf Jury-Mitglieder rückte später am Abend mit der Wahrheit heraus: Die „q.e.d.“-Kollektion sei allen „straight“ vorgekommen, die anderen Arbeiten hätten daneben „wie Kraut und Rüben“ ausgesehen. Erstaunlich, dass es in einer kreativen Branche nicht belohnt wird, wenn neue Wege beschritten und neue Ideen entwickelt werden. Schließlich kann Berlin über seinen Mode-Nachwuchs sehr froh sein. Ohne die vielen jungen Designer bekämen die Veranstalter nicht mal eine Handvoll Schauen zusammen.

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