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Modedesigner John Galliano : Ein Schatten seiner selbst

„Galliano war anders, aufregend, ein Freigeist”
          5 Min.

          Eine Ära ist zu Ende. Nicht nur die Epoche des Modeschöpfers John Galliano, der nach Antisemitismus-Vorwürfen am Dienstag vom Modehaus Dior entlassen wurde. Auch die Zeit der ersten großen Öffnung der Pariser Mode. Nach den Japanern (Kenzo, Yamamoto, Kawakubo, Watanabe) und den Belgiern (Margiela, van Noten, Demeulemeester, Bikkembergs) erlebte Paris Mitte der neunziger Jahre eine britische Invasion. John Gallianos Rauswurf ist der Schlusspunkt dieser Zeit.

          Alfons Kaiser
          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.
          Anke Schipp
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Stella McCartney, die Chloé zum Erfolg führte, kehrte 2001 nach London zurück und beschränkte sich auf ihre eigene Marke. Alexander McQueen, der als Nachfolger Gallianos von 1997 bis 2001 Givenchy einer Radikalkur unterzog, nahm sich am 11. Februar 2010 das Leben – nachdem auch Isabella Blow, die große Förderin der britischen Mode, zwei Jahre zuvor Suizid begangen hatte. Und nun muss sich John Galliano auf „John Galliano“ beschränken. Es ist nicht einmal ausgemacht, ob die Prêt-à-porter-Schau seiner eigenen Marke am Sonntag stattfindet: Ohne das Geld und den Ruhm von Dior wird er sie kaum erhalten können.

          Er lebte seinen Kindheitstraum

          Man könnte die Galliano-Jahre als Fußnote der Modegeschichte verbuchen. Aber sie sind – in aller Demut – ein Kapitel. Die Japaner und die Belgier konnten nie die zentralen Häuser entern. Die Briten hingegen griffen nach den großen Namen Chloé, Dior, Givenchy, der Amerikaner Marc Jacobs nach Louis Vuitton, Michael Kors vorübergehend nach Céline. Die Franzosen, die sich so sehr über die Plünderung ihres kulturellen Erbes ärgerten, spürten die grundsätzlichen Änderungen: Plötzlich waren andere Modemacher, andere Modestile, andere Modeschulen (Central Saint Martins statt der École der Chambre Syndicale) entscheidend. Schon hinter dieser tektonischen Verschiebung stand Anna Wintour, die britische Chefin der amerikanischen „Vogue“. Sie förderte die begabten anglo-amerikanischen Designer und gewann um so größeren Einfluss, je stärker in der Luxusindustrie fachfremde Manager wie LVMH- und Dior-Chef Bernard Arnault die Macht übernahmen, die für jeden sachdienlichen Hinweis dankbar waren.

          Eine Ära ist zu Ende: John Galliano wurde vom Modehaus Dior entlassen
          Eine Ära ist zu Ende: John Galliano wurde vom Modehaus Dior entlassen : Bild: dpa

          Für John Galliano wurde ein Kindheitstraum wahr. 1960 in Gibraltar geboren, woher sein Vater stammte, wuchs er in einfachen Verhältnissen als Juan Carlos Antonio Galliano auf. Die Familie zog nach London, als er sechs Jahre alt war. Seine Mutter, eine Andalusierin, stattete ihren Sohn mit Kleidern aus, „die eines kleinen Prinzen würdig gewesen wären“, wie sein Biograph Colin McDowell schrieb. Auf dem Küchentisch brachte sie ihm Flamenco bei. Früh trug Galliano, der zunächst schlecht Englisch sprach, schüchtern war und in der Schule ein Außenseiter, exzentrische Kleidung als Schutzschild. Er blühte auf, als er in der Garderobe eines Theaters jobbte und im Fundus stöbern durfte.

          Seine theatralische Sendung erfüllte sich später auf dem Laufsteg, als er nicht nur die Dior-Damen in verschwenderische Kleider steckte, sondern selbst am Ende in Phantasieuniformen erschien, die so viel über ihn preisgaben, weil sie ihn selbst in einer Rolle zu verbergen suchten. Clown, Napoleon, Pirat, Christian Dior, Humphrey Bogart: Immer war er perfekt gestylt von Klaus Stockhausen, dem Mode-Chef der deutschen „GQ“, der für den Astronautenanzug der Couture-Schau im Juli 2006 weder in Theatern noch in Filmstudios fündig wurde, weil ihm die Anzüge nach Faschingsbedarf aussahen, der schließlich in Russland einen Kosmonautenanzug fand, schwer und unbequem und umständlich und ebenfalls aus anderen Sphären.

          Galliano war von Beginn an nicht einfach

          Galliano war schon früh in seiner eigenen Umlaufbahn. Anfang der Achtziger begann er sein Studium an Central Saint Martins und finanzierte es mit Schreiner-, Verkäufer-, Botenjobs. Seine Abschlusskollektion von 1984, inspiriert von der Französischen Revolution, machte ihn auf einen Schlag bekannt. Joan Burstein, Mitinhaberin der Boutique Brown’s, kaufte die gesamte Kollektion: „Galliano war anders, aufregend, ein Freigeist.“ Tatsächlich scherte er sich wenig um Regeln. Mit McQueen festigte er den von Vivienne Westwood etablierten Ruf des britischen Designs, das sich aus der Kostümgeschichte ebenso bediente wie bei der Straßenmode, aus dem Theaterfundus wie aus den Labors der Technostoffe – und sich damals als Antidot zum grassierenden Minimalismus alla milanese verstand. Anna Wintour, die wiederum eine biedere „Vogue“-Ausgabe vertritt, nannte es „kreativen Wahnsinn“.

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