https://www.faz.net/-hs1-o7gq

Mode : Vom Laufsteg auf den Teppich

  • -Aktualisiert am

Die Modenschauen in Paris zeigen Tragbares Bild: AP

Die Mode in Paris zeigt in diesem Jahr Bodenhaftung - und tragbare, haltbare, kaufbare Entwürfe.

          3 Min.

          Um die Pariserin muß man sich keine Sorgen machen. Wenn es nieselt und kalt ist, stapft sie tapfer durch die Pfützen, mit wackligen Pumps und luftigen Chiffonröckchen, immer ohne Strümpfe, selten ohne Mann. Sie leidet, weil sie schön sein will. Mini-Rock, hohe Schaftstiefel, Legging - in keiner anderen Stadt werden die aktuellen und durchaus zweifelhaften Trends, in der Regel von Männern ersonnen, so klaglos umgesetzt wie in Paris. Die Mode lebt, es lebe die Mode, und mancher lebt nicht schlecht davon.

          Anke Schipp
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Laut Wirtschaftsmagazin "Capital" kommen drei der zwanzig am besten verdienenden Manager in Frankreich aus der Mode- und Kosmetikbranche. Andernorts grassiert das Boutiquensterben, in Paris wächst die Geburtenrate - allein vier Neueröffnungen in dieser Woche und ein Relaunch: Chanel hat sein Geschäft an der Rue Cambon so umgebaut, daß er jetzt der größte in der Welt ist - 8.600 Quadratmeter, zum Verkaufen und Verlaufen.

          Weniger Geschäft in Paris?

          Dem Skeptiker allerdings entgehen nicht die dunklen Schatten des schönen Scheins. Sind die Pariser Pret-a-Porter-Schauen, die noch bis Dienstag die Mode für den Sommer 2004 präsentieren, nicht zu beschaulich? Wird nicht weniger gerempelt am Eingang? Leere Plätze, manchmal sogar in der ersten Reihe. Keine Karte für Dior, der Türsteher winkt trotzdem durch und - lächelt. Wann hat es das schon mal gegeben? Und heißt das nicht in Wahrheit: weniger Journalisten, weniger Einkäufer, weniger Geschäft? Die Lage bleibt unsicher. Der Designer reagiert: unentschieden. Aufwärts oder abwärts mit dem Rocksaum? Hell oder dunkel? Fünfziger, Sechziger oder Achtziger? Pelz oder Bikini? Sport oder Romantik? Diva oder Dirne?

          Fusseliges Kostüm von Karl Lagerfeld
          Fusseliges Kostüm von Karl Lagerfeld : Bild: AP

          John Galliano macht beides. Vor der Dior-Schau läßt er so lange Marlene Dietrich Chansons säuseln, bis es allen hübsch warm ums Herz ist, dann gehen unvermittelt Sirenen an und eine kreischt "Oh Daddy". Marlene-Verschnitte staksen über den Laufsteg, mit wüsten Frisuren, als hätten sich ihre Haare in Janis Joplins E-Gitarre verhakt. Die Diva trug schmale Silhouette, die Dior-Damen auch. Die Diva hatte kurze, taillierte Jäckchen und Röcke bis übers Knie. Die Dior-Damen auch, nur daß ihre so eng geschnitten sind, daß sie kaum einen Fuß vor den anderen setzen können und sich im Schrittchentempo über den Laufsteg bewegen. Der Rock ist mit Bordüren verziert oder mit herunterhängenden Strapsen gesäumt. Bei anderen Designern wäre das frech, bei Galliano erweckt es ein müdes Gähnen. Ist das alles? Die hautengen, fleischfarbenen Bodysuits sind spektakulär, weil sie so bedruckt sind, daß man es auf den ersten und zweiten, aber nicht mehr auf den dritten Blick für eine Tätowierung halten könnte. Später wird man das auch bei anderen Designern sehen. Ist Galliano domestiziert? Am Ende der Schau kommt der Engländer im silbernen Satin-Anzug auf den Laufsteg, die Hand in der Tasche und so selbstbewußt lächelnd, wie man es sonst nur von den Amerikanern in Paris kennt. Rocklängen entfernt von dem einstigen jungen Wilden. Etabliert ist er, sonst wäre er nicht bei Dior, aber muß das jeder sehen? "Die Kollektion ist prächtig - und kommerziell", schreibt das Fachblatt Women's Wear Daily. Das kann für einen Designer wie Galliano rufschädigend sein. Er hatte einst herrliche Unordnung in die Modewelt gebracht. Nun hat man ihn beim Aufräumen erwischt.

          Tragbar, kaufbar, haltbar

          Mit einem kurzen Umweg über den Laufsteg ist Mode ist wieder auf dem Teppich zurückgekehrt. Tragbar, kaufbar, haltbar. Das ist das erste Resümee der ersten Schauen. Auch Helmut Lang, Österreicher, wild im Denken, minimal in der Ausführung, hat sein Konzept entschärft und zu Geschlossenheit gefunden. Die Kleidungsstücke hatte er einst auf ihr Skelett reduziert. Eine Jacke bestand in der vergangenen Saison aus Säumen und Reißverschlüssen - entkernt und entleert. Jetzt kehrt sie mit Substanz zurück, als Ganzes also, wenn auch links herum und mit den Ärmeln nach unten hängend an der Taille eines Rocks. Langs subtile und androgyne Sportswear mutet streckenweise sogar feminin an. Das schlichte Baumwoll-Kleidchen ist mit gummiertem Tüll unterlegt, das an der Seite, an den Schultern und unterhalb des Saums herausquillt.

          Befreit von den strengen Richtlinien japanischen Designs hat sich Naoki Takizawa, der für Issey Miyake entwirft. Vor zwei Jahren hat er mit applizierten Blüten seinen Hang zur Romantik bereits erkennen lassen, damals aber waren sie abgezählt und sorgsam aneinandergereiht wie in einem Feng-Shui-Garten. Jetzt tauchen sie verschnörkelt als jugendstilhafte Ornamentik auf bodenlangen Kleidern auf. Mehr Paris, weniger Tokio. Für seine Verhältnisse hat sich der Japaner ausgetobt. Von seiner Landsmännin Rei Kawakubo kann man das nicht behaupten. Das Toben müßte dann implodiert sein. Das beste, was man über ihre Comme-des-Garcons-Kollektion sagen kann, ist, daß sie ganz bei sich geblieben ist. Ungeniert präsentiert sie ein und denselben Entwurf immer wieder, bis jeder Zuschauer verstanden hat: Da kommt nichts mehr. Bauschige Röcke taille-abwärts. Taille-aufwärts: nichts. Am Fuß: nichts. Das ist scheinbar schlicht, in Wahrheit aber besonders abgehoben.

          Zurück zu Jeans und Pink

          Karl Lagerfeld, der drei Marken gleichzeitig betreut und mit der Zahl der Entwürfe, die er auf dem Laufsteg zeigt, niemals geizt, würde sich furchtbar langweilen. Seine Palette für Lagerfeld Gallery ist traditionell breit, man könnte auch sagen: Es ist für jeden etwas dabei. Lange und kurze Röcke, bunte und schwarze Stoffe, mal leicht, mal ausladend, mal männlich (Smoking-Hemd und Fliege), mal feminin (das kleine Schwarze als Ballonkleid). Sogar die Jeans ist wieder zurück, als Weste zum pinkfarbenen Rock. Die Pariserin wird auch das tragen. Es ist nicht ihre Art, Fragen zu stellen.

          Weitere Themen

          Wirtschaftsforscher senken Konjunkturprognose deutlich Video-Seite öffnen

          Anstieg von nur 2,4 Prozent : Wirtschaftsforscher senken Konjunkturprognose deutlich

          Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Prognose für das Wachstum der deutschen Wirtschaft in diesem Jahr noch einmal deutlich abgesenkt. In ihrem Herbstgutachten gehen die Expertinnen und Experten nun von einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 2,4 Prozent in diesem Jahr aus – nach prognostizierten 3,7 Prozent im Frühjahr.

          Topmeldungen

          Woran festhalten, was erneuern? Hendrik Wüst blickt nach vorne.

          Kritik an Parteispitze : Die Abrechnung der Jungen Union

          Fehlende thematische Positionierung, Störfeuer aus Bayern und eine Kampagne, die zum Teil „nur noch zum Haare raufen“ gewesen sei: Der Parteinachwuchs ist beim Deutschlandtag gereizt.
          Die unbekannte Oberschicht, hier mal wieder reduziert auf maßlos überteuerte Handtaschen.

          Soziologie : Unbekanntes Wesen Oberschicht

          Anders als die Gruppe der Niedrigverdiener und die Mittelklasse ist die reiche Oberschicht soziologisch kaum erforscht. Umso trefflicher lässt sich darüber streiten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.