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Mode : Vertreibung in das Paradies

Mode unter Palmen Bild: Diesel

Kaum sind die Schauspieler aus dem Dschungel zurück, verirren sich Modekampagnen im Urwald. Bunte Mode zwischen Lianen, auf Bäumen, unter Wasserfällen.

          Der Dschungel ist hungrig nach Opfern. Kaum sind Costa Cordalis, Daniel Küblböck und Susan Stahnke glücklich wieder in die Zivilisation gelangt, kaum hat Gottlieb Wendehals alias Werner Böhm seinen Pavian wieder gegen seine ungleich hübschere Freundin eingetauscht, müssen sich schon die nächsten tief in die Natur versenken. Dieses Mal heißen sie allerdings nicht Caroline Beil oder Lisa Fitz, sondern Julia, Jessica, Ujjwala, Eugenia und Yasmeen. Dieses Mal sind es keine fallenden, sondern aufgehende Sternchen. Und dieses Mal posieren sie nicht für den Profit eines Privatsenders, sondern für einflußreiche Modemarken: Dolce & Gabbana, Hugo, Missoni, Diesel, Gucci, Etro, Burberry. Schlägt man Frauen- und Modezeitschriften des Monats Februar auf, sieht man sie zwischen Lianen, auf Bäumen, unter Wasserfällen: Die Mode wird ins Paradies vertrieben.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Am Ursprung des Urwalds stand vielleicht die bunt und bunter werdende Mode. Sie verleitete womöglich die Designer und Fotografen zu noch wilderen Experimenten. Vielleicht setzt aber auch das heraufdämmernde Ende des Gucci-Zeitalters Phantasie frei. Im Wald muß man sich nicht cool geben. In der Waldmode kommt man nicht mehr weiter, wenn man nur pencilsharp geschnittene Kleider trägt, gegelte Haare, so viel Schminke, daß sich das Gesicht nicht mehr regt, und breite Sonnenbrillen, die nur in der Werbung von Baufinanzierern noch Anastacia-Blau sind. Wohin also? Wieder einmal hatten die Modeschöpfer zur gleichen Zeit eine kongeniale Idee. In der Mode ist das bekanntlich nicht so schwer, weil Farbkarten und Stoffmessen allen Kreativen gleichzeitig zuarbeiten. Aber in der Modefotografie? Alle dachten sich wohl: Wir müssen weiter! Aber wohin? Am besten ganz weit zurück. So kamen die Models ins Paradies.

          „Optimismus, Stil und einer ironischen Interpretation von Lebendigkeit“

          Da stehen, liegen, hängen sie nun wie Adam und Eva im Paradies, aber angezogen. Domenico Dolce und Stefano Gabbana erklären ihren Frühjahr/Sommer-2004-Ausflug mit der schönen Umgebung, die trotzdem die Aufmerksamkeit auf die einzelnen Teile und die Accessoires lenke. Man vermittle ein entspanntes Gefühl "von Optimismus, Stil und einer ironischen Interpretation von Lebendigkeit". Während die Männer drinnen bleiben mußten und noch dem Zeitalter der Coolness nachtrauern, durften die Frauen in den Wald.

          Fotograf Steven Meisel ist allerdings nicht ganz bis in den Garten Eden gefahren, nur bis in einen Herbstwald in der Nähe von New York. Auch Gucci geht nicht an den Anfang der Welt zurück. Die Model-Neuentdeckung Hanna Soukupova posiert zwar zwischen Farnen und exotischen Gewächsen, aber die sind nicht weit hergeholt, sondern wachsen in der Nähe eines Privathauses in Los Angeles. Mario Testino, der fotografierte, und Chefdesigner Tom Ford, der selbst das Styling übernahm (und sich überhaupt gern um jegliche Außendarstellung kümmert bis hin zur Farbe der Verkaufstheken), suchten das Exotische, um die goldenen Entwürfe der Sommerkollektion besser hervortreten zu lassen. Von urtümlichen Pflanzen ließ sich Ford auch bei der Suche nach dem männlichen Model anspornen: Federico Floriani ist nämlich gar kein Profi, sondern wurde von Tom Ford auf einer Party in Paris entdeckt.

          Selbst die Kampagne für die junge Hugo-Boss-Linie Hugo scheint unter Palmen zu enden. Aber die Fotografen Mert Alas und Marcus Pigott, sonst eher für kühle Künstlichkeit bekannt, nahmen sie auf Ibiza auf: Sie enthält auch Strandaufnahmen und rückt mehr durch Zufall einmal eine Palme ins Bild. Als Accessoire wirkt sie jedoch pittoresk und südlich-lieblich. Ohnehin sind die schmückenden Beigaben nicht mehr Zigarillo, Whisky-Glas und Sonnenbrille, sondern Kamelien, Pfingstrosen und Rosen. Und die coolen Farben Schwarz, Grau und Weiß wurden schon in den letzten Saisons durch bunte Missoni-Streifen, retrohafte Pucci-Muster und surferhaft-hawaiianische Custo-Barcelona-Drucke aufgelöst. Demi Moore zeigte sich schon mit einer beblümten Coach-Patchwork-Handtasche auf dem Sundance-Filmfestival - im April folgt der Werbefeldzug aus dem Gewächshaus.

          Diesel im Garten Eden

          So richtig beackert den Garten Eden allerdings nur die Jeansmarke Diesel, die vor 25 Jahren gegründet wurde und wohl mit dieser Werbung auch ihren geradezu paradiesischen Aufstieg feiern möchte. Man solle das Papier der Presseerklärung küssen, empfiehlt die Presseerklärung - denn schließlich halte man Holz in den Händen, das stamme vom Baum, und Bäume stehen im Paradies. "Weil die Natur so schnell verschwindet, sollten wir zeigen, daß wir uns um sie kümmern, solange wir es noch können." Daher ging es mit dem Fotografen Henrik Halvarsson Ende Oktober in den Botanischen Garten von Los Angeles. Das Stilparadies wirkt allerdings durch den großzügigen Einsatz von Bildbearbeitungssoftware reichlich künstlich, die Models wie hineingepappt.

          Die Diesel-Anzeige wurde auch in der neuen Modezeitschrift mit dem vielsagenden Titel "Zoo" geschaltet: Die Mode, so scheint es, hat sich von künstlerischen Ansprüchen gründlich erholt. Nicht artifiziell, sondern naiv soll es sein, nicht konstruiert, sondern gewachsen, nicht steril, sondern organisch, nicht künstlerisch, sondern natürlich. Es ist kein Zufall, daß es vor allem italienische Marken sind, keine französischen, die ins Elysium flüchten: In Paris steigt man nicht einfach so aus der Tradition aus, die Ateliers der Haute Couture oben unter dem Dach der großen Häuser sind himmelweit entfernt von dem, was kreucht und fleucht. Alle anderen geben sich mit Kakerlaken und Pavianen im Paradies auf Erden ab - und haben wenigstens das Gefühl, am Anfang angekommen zu sein, auch wenn sie mit ihren Ideen am Ende waren.

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