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Mode : Sex aus der City

Die konservative Revolution: Knielanger Rock und hochgeschlossen, hier bei Miu Miu Bild: ANSA

Die Mode, immer der Zukunft entgegen, bedient sich so stark in der Vergangenheit wie seit Jahren nicht. Auf den Mailänder Schauen für Herbst und Winter sah man vor allem Entwürfe der Zurückhaltung.

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          Die Mode, immer der Zukunft entgegen, bedient sich so stark in der Vergangenheit wie seit Jahren nicht. Auf den Mailänder Schauen für Herbst und Winter, die am Sonntag zu Ende gingen, und nach allem, was man vorher hören konnte, auch auf der Oscar-Feier, die in der Nacht zu diesem Montag stattfand, sah man vor allem Entwürfe der Zurückhaltung. Statt Hosen gab es in Mailand fast nur Röcke zu sehen, statt Miniröcken Knielänge, statt Sportlichkeit Weiblichkeit, statt Transparenz Wintermode, statt neuer Materialien das gute alte Tweed und den schwarzen Samt von Omas Sofa. Da nun auch die Serie "Sex in the City" ausläuft, scheint der Sex endgültig aus der City vertrieben zu werden.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Die Mode erlebt eine konservative Revolution. Der alte Souverän Tom Ford hat sich rechtzeitig verabschiedet. Am kommenden Sonntag wird er auch als Chefdesigner bei Yves Saint Laurent abdanken. Was das bedeutet, beleuchtet eine Anekdote vom Beginn seiner Arbeit vor drei Jahren. Zu den Saint-Laurent-Designern habe er gesagt: "Geht ins Archiv, macht es genauso wie früher, nur kürzer und mit tieferem Ausschnitt." Zumindest gut erfunden ist diese Anekdote. Denn Tom Ford und der Zwang zur sexuellen Provokation mit gepushtem Busen und protuberierendem Po hat jahrelang soviel "Sex" wie möglich aus der Frau herausgeholt. Nun wird es Zeit für etwas Neues, selbst wenn es auf das Alte hinausläuft.

          Fünfziger und siebziger Jahre

          Die antisexuelle Revolution kommt mit einer fließenden Linie daher, mit langen Röcken und blickdichten Blusen. Noch vor einem Jahr sah man in den Winterkollektionen viele Miniröcke. Doch kaum gekauft, schon aus der Mode: Nur in abseitigen Schauen sind sie noch zu sehen. Orientierung bieten den Designern heute vor allem die fünfziger und die siebziger Jahre. Das zeigte sich von Prada über Roberto Cavalli, Brioni und Fendi bis hin selbst zu Dolce und Gabbana. Lange Pelzstolen, oft in Rottönen gefärbt, überlange Schals, viele Kristalle auf den Kleidern, fließende Stoffe wie Voile, Seide und Samt dominierten. Die Silhouette umschmeichelt den Körper, zeigt ausgestellte Rockformen wie in den Siebzigern, die durch eine hohe Gürtung im Empire-Stil noch an Breite und Weite gewinnen. Daurch ändert sich die Silhouette fundamental: Die Korsage kommt weg, denn in fließenderen Formen kann sich jede Frau wohl fühlen.

          Lange Pelzstolen bei Missoni

          Man könnte wieder einmal von der Befreiung der Frau reden. Dieses Mal trägt diese Befreiung aber Rückwärtsgewand. Max Mara dekliniert die Farbmoden von Siebziger-Jahre-Badezimmerkacheln durch. Selbst junge Linien wie Sportmax zeigen knielange Röcke und erinnern mit Dufflecoats und ethnischen Mustern an College-Studentinnen aus Problemfilmen der Siebziger. Der Trend zum Sport ist in der Designermode wie verflogen, Tunnelzüge gibt's nicht mehr - und wenn doch, dann wie bei Miu Miu unauffällig eingebaut. Dolce und Gabbana gehen in einer geradezu pradaesken Schau noch einen Schritt weiter zurück. Die Frau wird mit hohen Absätzen und knallengen Röcken zwar erotisch aufgeladen. Aber weiße Spitzenkrägen und Glencheck-Muster entstammen doch einer anderen Zeit: In den taillierten Kostümen trippeln die Frauen herum wie Sekretärinnen in Werbefilmen der Fünfziger. Dazu paßte, daß Elvis' Enkelin Riley Keough, die Tochter von Lisa Marie Presley, mit ihren zarten 14 Jahren die Parade anführte: Dolce und Gabbana prophezeien der Kleinen Starruhm, wie ihn ihr Großvater hatte - in den Fünfzigern.

          Gedeckte Farben

          Die Rückbesinnung auf früherere Zeiten hängt auch zusammen mit dem Elend des Minimalismus: Bei der Dolce-und-Gabbana-Zweitlinie D & G trug das Model mit dem vielsagenden Namen Querelle die T-Shirt-Aufschrift mit dem ironischen Seufzer "whatever happened to minimalism" - darunter ein großer Totenkopf in den Minimalistenfarben weiß auf schwarz. Da man also in der großen Grundströmung der neunziger Jahre keinen Halt mehr findet, springt man weiter zurück. Passend zum verhaltenen Stil sind gedeckte Farben mit viel Braun, Grau, Bordeaux und Aubergine, zuweilen aufgelockert mit Rosa, Gelb, Senf, Grün oder Blau. Sogar die im Farbempfinden führenden Marken wie Pucci, Missoni und Etro tendieren zu den dunkleren Tönen.

          Bunt eingefärbt von Rot bis Gelb dagegen sind zum großen Teil die Pelze. Am originellsten verarbeitet werden die Pelzboleros bei Wolfgang Joop, der seine "Wunderkind"-Kollektion im Showroom zeigte: Sie sind mit aufgestickten bunten Seidenblüten versehen, die dem sonst allzu häufig pompös daherkommenden Pelz beiläufigen Charme geben. Eine Neigung zum Aufgedonnerten ist ansonsten nicht zu übersehen: Roberto Cavalli hat ungeahnten Erfolg mit seinen wasserfallwallenden und barock bedruckten Entwürfen - der Moskauerin mag's gefallen. Der europäischen Kundin dagegen wird - etwa von Trussardi - eine modernistische Kästchengraphik ans Herz und an den Körper gelegt.

          Die Dekoration liefern jedenfalls Stoffe, Schnitte und Farben, kaum noch der Körper selbst. Das paßt gut zu dem amerikanischen Anspruch nach dem "Nipplegate"-Skandal mit Janet Jacksons entblößter Brust, möglichst wieder "angezogen" zu wirken. Schon diese Modemetapher zeigt, daß man die Fashionista bisher wohl für "ausgezogen" hielt. In der Krise jedenfalls, der sich die Luxushäuser ausgesetzt sehen, ist die Rückbesinnung aufs Traditionelle auch geschäftlich ratsam. Denn konservative Mode hat einen unschlagbaren Vorteil: Man kann sie tragen.

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