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Mode selbst konfigurieren : Micky-Maus-Schuhe? Papperlapapp!

„Es ist kinderleicht“, lockt Maru Winnacker (links) vom Projekt Oona, hier mit ihrer Geschäftspartnerin Silke Kuisle und einigen Taschen. Bild: Andreas Pein

In der Mode gibt es ein neues Verb: konfigurieren. Damit wird der Kunde selbst zum Designer. Kann das gut gehen? Über den Trend der Extrawünsche.

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          Der Auftrag war klar vorgegeben. Lena sollte die Schuhwerbung auf Facebook liken. Für den einmaligen Klick lockten die Macher der Schuhe mit einem möglichen Gewinn - mit einem Gutschein für ein Paar Ballerina-Schläppchen zum Selbstentwerfen. Lena, 26 Jahre alt, wurde ausgewählt. Dabei ist sie keine Modedesignerin und geht allerhöchstens gerne einkaufen - „einmal im Monat neue Schuhe, hier und da mal was bei H&M“. Eigentlich studiert sie Wirtschaftspädagogik und Germanistik in Göttingen. Die Maske zum Selbstentwerfen auf der Website der Schuhmarke war für sie entsprechendes Neuland. „Es ist mir schwergefallen, eine Auswahl zu treffen.“ Sollten die Schuhe aus Wildleder, Kalbsleder oder Lackleder sein? Von außen dunkelgrün, beige, vielleicht mit gelber Lackkappe oder mit rotem Rand? Und wie von innen? Türkis? Erdbeerpink? Oder doch besser schlicht? Allein für die Farbe der Sohlen und für deren Profil gab es zig Wahlmöglichkeiten. Mit ihren Freundinnen überlegte sie zwei Wochen lang hin und her, irgendwann stand der Entwurf fest, oder besser gesagt, die Konfiguration.

          Jennifer Wiebking
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          In der Mode stolpert man dieser Tage über ein Wort, das wirklich gar nichts mit dem unumstößlichen Konzept eines einzigen Designer-Zaren zu tun hat. Im Gegenteil, man verortete es bislang eher in der Automobilbranche. So wie man nämlich beim Neukauf eines Fahrzeuges die Felgen, die Farbe des Verdecks, den Motor, die Sitzbezüge oder das Außenspiegelgehäuse in Eigenregie wählt und seinen Wagen somit konfiguriert, kann man nun im Internet den individuellen Kaschmirpullover entwerfen - und dabei nicht nur den Ton der Armbündchen selbstbestimmt wählen.

          Bislang hatten solche Ideen ein eher zweifelhaftes Image. Wer sein T-Shirt im Copy-Shop bedrucken ließ, der ging anschließend selten mit einem echten Schatz aus dem Laden. Heute aber wird der Kaschmirpullover im Selbstentwurf aus feiner italienischer Wolle gestrickt und bringt somit Qualität und die eigenen ästhetischen Ansprüche unter einen Hut. Oder die Häkelmütze - ob an ihr ein Bommel hängen soll oder besser doch nicht, entscheidet der Kunde. Selbst wenn er in Kunst früher eine Drei hatte, denkt er sich nun: Das kann ich auch.

          Klar, bestimmt kann das ein Designer besser, der sein Fach mehrere Jahre lang studiert und sich einen Ruf erarbeitet hat, und vielleicht löst sich die Mode mit solchen Konzepten nur weiter von der Idee, eigentlich Kunst zu sein. Vielleicht rutscht sie stattdessen irgendwann ganz ab in die Banalität. Aber wenn sich der Kunde zunehmend danach sehnt, selbst kreativ zu werden, sich mit Mode wie mit einem Malbuch für Erwachsene zu beschäftigen, wer würde damit dann nicht Geld verdienen wollen?

          Selbst wer in Kunst früher eine Drei hatte, denkt: Das kann ich auch

          Bei Scarosso, dem Berliner Start-up-Unternehmen, das Lenas Konfigurationswunsch in ein echtes Paar Ballerinas umsetzte, sprechen die Zahlen jedenfalls für sich. Die Inhaber Moritz Offeney und Marco Reiter gingen bei der Neugründung ihrer Marke im Jahr 2010 von einem Anteil von zehn Prozent konfigurierter Schuhe aus. Der Rest, so schätzten sie damals, würde sich derweil aus Paaren der jeweils aktuellen Kollektion ergeben.

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